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Nebenbei

  • Es geht noch schlechter

    Um die Deutsche Bank und die Commerzbank steht es schlecht. Bundesfinanzminister Scholz (SPD) möchte ihren Verfall stoppen. Sie sollen sich zusammenschließen. Er hofft, vereint könnten sie eine stärkere Rolle spielen. Die Verhandlungen haben gerade begonnen. Sie werden beide Banken zunächst weiter schwächen. Um größeres Gewicht zu gewinnen, müssen sie Kosten senken. Sie gilt, Stellen zu streichen und Zweigstellen zu schließen. Beide Geldhäuser beschäftigen insgesamt gut 130.000 Menschen. Soll der Zusammenschluss den gewünschten Gewinn bringen, könnten 20.000 bis 50.000 Stellen wegfallen. Was werden die Mitarbeiter bei diesen Aussichten tun? Sie werden sich fragen, ob sie es sind, die demnächst auf der Strecke bleiben. Viele werden alles daransetzen, einen anderen Arbeitgeber zu finden. Sie werden sich umhören, Bewerbungen schreiben, sich auf Bewerbungsgespräche vorbereiten. Sie werden ihre finanziellen Verhältnisse straffen, um drohende Durststrecken zu überstehen. Sie werden sich zum Abwehrkampf gegen den Zusammenschluss formieren und an Protestaktionen teilnehmen. Bis die Vereinigung in trockenen Tüchern ist, falls es zu ihr kommt, wird einige Zeit ins Land gehen. Derweil werden sich die Beschäftigten mehr mit sich selbst als mit den Geschäften ihrer Bank befassen. Ist es abwegig abzunehmen, dass sich die schlechte Ertragslage der beiden Banken in nächster Zeit noch verschlechtern wird? – Ulrich Horn

Defizite des VW-Konzerns werden zum Thema

Winterkorn auf dünnem Eis

Montag, 20. April 2015

Politik

Ist der Machtkampf bei VW entschieden? Arbeitnehmer, IG Metall und Niedersachsens Regierung haben sich gegen Eigentümer und Aufsichtsratschef Piëch durchgesetzt: Winterkorn bleibt Vorstandschef. Sein Vertrag soll sogar verlängert werden. Herrschen nun bei VW klare Verhältnisse? Keineswegs. Winterkorn hat wohl jene bittere Art von Sieg errungen, die den Gewinner schwächt und schließlich zum Verlierer macht.

Ein Thema verschenkt

Die Aufregung über die Vorgänge bei VW war nicht nur deshalb so groß, weil sich Piëch von Winterkorn distanzierte, sondern auf diese Weise auch das Bild zerstörte, das die Medien von der Lage des Konzerns gezeichnet haben. Es spielt sich eben nicht nur ein Machtkampf ab. Es verfällt nun auch das Trugbild, das die Medien vom Konzern und von seiner Spitze zeichneten.

Lange Zeit berichteten sie über Winterkorns Erfolge. Er wurde in höchsten Tönen gelobt. Dass er Piëch als Aufsichtsratschef beerben sollte, galt vielen Berichterstattern als ausgemacht. Die virtuelle Medienrealität strafte Piëch mit einem Satz Lügen. „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn.“

Dieser Zustand war nicht von heute auf morgen da. Er hat sich seit Monaten entwickelt. Den Indizien, die auf den Vertrauensverlust hinwiesen, ist kaum jemand nachgegangen. Warum nicht? Reichte die Nähe zu Winterkorn und zum Betriebsrat für die Berichterstattung über VW? Heute ist klar: Die Wirtschaftsjournalisten haben ein Thema verschenkt. Winterkorns Kommunikationsabteilung hat ganze Arbeit geleistet.

Gang zum Schafott

Nun aber hat Piëch den Ballon platzen lassen. Wann die Distanzierung einsetzte, lässt sich – dem Handelsblatt sei Dank – datieren. Es kolportierte im September 2013 die Spekulation, Winterkorn werde VW-Miteigentümer Piëch bald als Aufsichtsratschef beerben, weil Piëch gesundheitlich angeschlagen sei.

Piëch machte damals nachdrücklich deutlich, dass er diese Geschichte als Intrige verstand, die dem Zweck diente, den Zustand herbeizuführen, den sie beschrieb. „Totgesagte leben länger“, gab er im Spiegel zu Protokoll und drohte den Intriganten öffentlich: „Guillotinieren werde ich erst, wenn ich sicher bin, wer es war.“

Seither ist klar, dass Winterkorn und seine Umgebung erste Anwärter für den Gang zum Schafott sind. Dennoch ließen die Wirtschaftsmedien den Fall auf sich beruhen. Sie hielten Winterkorn als Kandidaten für den Aufsichtsratsvorsitz im Rennen. Es wird genügend Insider gegeben haben, die sie in dieser Auffassung bestärkten.

Hinter den Konkurrenten

Als Piëch dann den Daumen senkte, fanden viele Medien, die den Konflikt mit Winterkorn geflissentlich negiert hatten, nur noch eine Zuflucht: Sie zeigten sich überrascht; denn nun sahen sie sich gezwungen zu erklären, warum sich Piëch so verhielt, wie er sich verhielt. Das hatte Folgen: Plötzlich erschien die Lage des Konzerns in einem neuen Licht.

Bisher waren Winterkorns Erfolge gepriesen worden. Er hat Absatz, Umsatz und Gewinn stark vermehrt, ebenso die Zahl der Arbeitsplätze. Der weltgrößte Autokonzern Toyota scheint fast eingeholt. Diese beachtlichen Erfolge trugen dazu bei, Winterkorns vermeintliches Anrecht auf die Piëch-Nachfolge plausibel zu machen.

Mit seinem sechs Wörter langen Einwurf rückte Piëch schlagartig die Defizite der Ära Winterkorn in den Vordergrund. Die Marke VW-Pkw verliert in den USA Marktanteile. Sie schwächelt auch in Russland, China und Brasilien. Ein Billigmodel fehlt. Der Aufbau der Nutzfahrzeugsparte stagniert. Die Umsatzrendite liegt weit hinter den Konkurrenten Toyota, General Motors und Ford. Abhilfe soll ein Sparprogramm schaffen. Es ist noch nicht umgesetzt.

Arbeitsplätze in Gefahr

Kaum wurde Piëchs Attacke bekannt, scharten sich um Winterkorn Unterstützer, die mit seinem Kurs bisher gut zurechtkamen: der Betriebsrat, die Arbeitnehmer-Vertreter im Aufsichtsrat, die IG Metall, die niedersächsische Regierung. Sie sehen Winterkorn als Garanten für Wachstum und gegen harte Einschnitte – wie etwa den Abbau von Arbeitsplätzen.

Piëch aber traut Winterkorn nicht mehr zu, die Probleme des Konzerns zu lösen. Um sie zu beheben, werden stärkere Anstrengungen nötig sein, als sie Winterkorn geplant hat. Unterbleiben sie, werden die Probleme wachsen und noch stärkere Einschnitte erfordern. Schnell werden sich dann zwei Fragen stellen: In welche Richtung bewegt der Aktienkurs, und wie viele Arbeitsplätze wird die Reparatur der VW-Probleme in Deutschland kosten?

Am 5. Mai findet die Hauptversammlung der Aktionäre statt. Hätte Piëch den Mund gehalten, hätte sich Winterkorn dort als erfolgreicher Konzernlenker präsentieren und feiern lassen können. Die Medien hätten die Botschaft rund um den Globus getragen. Nun aber könnten die Aktionäre aus Sorge um den Kurs des Vorstandschefs und der Aktie die Probleme des Konzerns in den Blick nehmen. In der Folge könnten Arbeitsplätze in Gefahr geraten.

Die Ära beenden

Dass Winterkorn bei den Vertretern der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat Unterstützung findet, verbessert seine Lage kaum. Jeder im Konzern weiß: Winterkorn ist angeschlagen. Jeder, der bei VW Karriere machen will, wird ihm keine Ruhe mehr lassen. Winterkorn wird nicht mehr an früheren Erfolgen gemessen, sondern daran, dass er die Defizite beseitigt, die unter seiner Führung entstanden sind und immer größer zu werden drohen.

Er wird wissen, dass Solidaritätsadressen schnell ihr Gewicht verlieren. Piëch hat nicht nur Winterkorn mit den VW-Defiziten unter den Druck gesetzt, sondern alle, die dem Vorstandschef den Rücken stärken. Landesregierung, Betriebsrat, IG Metall und Arbeitnehmer-Vertreter im Aufsichtsrat sind ebenfalls herausgefordert.

Wie dünn das Eis ist, auf dem Winterkorn steht, zeigt sich an Betriebsratschef Osterloh. Er stimmte dem Sanierungsprogramm zu, das die Probleme des Konzerns beheben soll. Gleichzeitig gab er zu Protokoll, dass er es für unzureichend hält. VW könne viel mehr sparen, sagte er. Kann man Winterkorn noch deutlicher abqualifizieren? Für Osterloh jedenfalls ist der Weg bis zu Piëchs Distanzierung von Winterkorn nicht mehr weit, wenn es demnächst darum geht, jedes VW-Problem zu beheben, auch das an der Führungsspitze. – Ulrich Horn


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4 Kommentare zu “Winterkorn auf dünnem Eis”

  1. Roland Appel sagt:

    Eine der wenigen umfassenden Analysen der Hintergründe, die bisher zu lesen waren – Danke, Herr Horn!
    Man sollte eben ältere Herren, die zudem noch die Aktienmacht an den Füßen haben, nicht unterschätzen. Das hat bei Zeiten Herr Middelhoff noch von Reinhard Mohn gezeigt bekommen. Zudem scheint der VW-Konzern mit Ausnahme von Porsche nicht gerade mit Innovation gesegnet zu sein. Die Kernprodukte der Marke wie Passat, Golf, Polo kommen in gähnender Langweiligkeit daher, während z.B. die Wettbewerber BMW und Mercedes, vor allem letzterer, in den letzten beiden Jahren in der unteren Mittelklasse mit 1er und A-Klasse ein Feuerwerk an neuen interessanten Autovarianten auf gleichen Plattformen abbrannten und damit vor allem in China und USA punkteten. Audi hat, außer dem Image, die aggressivsten Raser auf der Autobahn zu bedienen, in den letzten Jahren wenig Innovationen hervorgebracht. Elektroantrieb, Brennstoffzelle, autonomes Fahren – weitgehend Fehlanzeige. Die gemeinsame Biodiesel-Offensive der 2. Generation mit Daimler und Shell wurde von VW aufgegeben. VW Phaeton, Bugatti, Bentley sind so überflüssig wie Dinosaurier. Auf dem Markt der preiswerten „Analogautos“ hat man sich von Dacia auspunkten lassen und die Konzernmarken Seat und Skoda kommen zum Teil interessanter daher, als die Produkte des Mutterkonzerns. Zudem hat sich Winterkorn vor zwei Jahren mit seiner irrwitzingen Ankündigung, die Rendite des Konzerns jährlich um 8% steigern zu wollen, selbst das Stöckchen so hoch gehalten, dass er irgendwann nicht mehr drüberspringen konnte.
    Der politische Rettungsversuch könnte sich für Winterkorn sehr bald als Phyrrussieg entpuppen, denn Automanager – das hat gerade Dieter Zetsche mit Bravour vorgeführt – gewinnen ihre Vertragsverlängerungen nicht am grünen Tisch, sondern mit Absatzzahlen und Strahlkraft ihrer Marke. Da kann auch der VFL Wolfsburg nicht helfen.

  2. Hubertus Bruch sagt:

    Hallo Herr Horn,
    so hat’s der Piëch angedacht und das Fallbeil in Stellung gebracht. Ihr Berufsstand spielt nun den Henker – mal wieder.
    Was passiert, wenn man beim Patriarchen in Ungnade fällt, konnte das Publikum bereits Schritt für Schritt bei Beitz und Cromme studieren. Der Alte war beim Blattschuss zwar etwas leiser, die anschließende Hetz der Jagdhunde ließ dem potentiellen Nachfolger aber ebensowenig Überlebenschancen wie dem gleichsam illoyalen Winterkorn. Cromme war klug genug, das zu erkennen und strich bekanntlich schon Wochen vor der Demission auf seinem Geschäftspapier den AR-Vorsitz bei TK.
    Der Herr Professor (wie er sich so gerne nennen lässt) sollte sich ein Beispiel daran nehmen. Denn spätestens im Herbst wird er jede Menge Zeit für Vortragsreisen in eigener Sache haben.

  3. walter dyroff sagt:

    Da reiten einige Topverdiener der Automobilindustrie ein totes Pferd. Damit es keiner merkt, bekommt das Polit-Establishment in den Hauptstädten Nobelkarossen zum Vorzugspreis und der abgehalfterte Politiker einen Job bei der Bahn oder dem guten Stern, damit er seine Kontakte zur Perpetuierung des Unsinns nutzen kann.
    Crommes Milliardengrab in Übersee,
    Piëchs Bauchlandung mit dem Phaeton,
    Wiedekinds Aktion bei der VW Übernahme,
    Menschen, auch wenn sie Top-Manager sind, machen Fehler.
    Den größeren Fehler aber machen die Politdarsteller, die den öffentlichen Nah- und Fernverkehr zugrunde richten. Dass ein Eisenbahnunternehmen sich mit Fernbussen Konkurrenz macht und die politisch Verantwortlichen so etwas mittragen, ist bemerkenswert.

  4. walter dyroff sagt:

    -Ein Thema verschenkt-
    Müssen Umweltverschmutzer Millionäre werden?
    Lohnt es sich, über die graduellen Erfolgsunterschiede verschiedener Automanager zu diskutieren?
    Der Beitrag im Handelsblatt veranlasst mich, noch einmal Stellung zu nehmen.
    Das Handelsblatt veröffentlichte am 24.05.2015 ein “Feinstaub-Ranking der Städte: Hier atmen Sie extra viel Schadstoff“
    Feinstaub-Ranking der Städte
    Hier atmen Sie extra viel Schadstoff. Seit der EU-Richtlinie von 2005 haben Deutsche einen Anspruch auf gute Luft ohne viel Feinstaub. Ein neues Ranking zeigt, dass dieser Wunsch oft an der Realität vorbei geht. Wo die Luft am dreckigsten

    http://www.handelsblatt.com/panorama/aus-aller-welt/feinstaub-ranking-der-staedte-hier-atmen-sie-extra-viel-schadstoff/11683208.html
    Platz 1 Stuttgart, die Wirkungsstätte des erfolgreichen Herrn Zetsche,
    Platz 2 Reutlingen
    Platz 3 Markgröningen
    Platz 4 Tübingen, die Orte liegen in der Einflusszone des guten Sterns und der großartigen mittelständischen Industrie der Zulieferer.
    Platz 5! Gelsenkirchen!
    Und weiter im Handelsblatt:
    „..dass jährlich EU-weit rund 430.000 Menschen infolge der Feinstaubexposition vorzeitig sterben“.

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