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Nebenbei

  • Steinmeier und Yücel

    In der Türkei sitzen viele Dutzend Journalisten im Gefängnis. Unter ihnen befindet sich auch Deniz Yücel, Er ist türkischer und deutscher Staatsbürger. Bundespräsident Steinmeier hat seine erste Rede für einen Appell an den türkischen Präsidenten Erdogan genutzt. „Geben Sie Deniz Yücel frei!“ Eine selbstverständliche und dennoch bemerkenswerte Forderung. Die meisten Bundespräsidenten hielten sich aus der Tagespolitik heraus. Dass Steinmeier anders verfährt, hat ihn viel Lob eingebracht. Es hieß, er sei ein Präsident mit Biss, ein Mann, der klare Kante zeigt. Wem nutzt dieser Auftritt? Zunächst ihm selbst. Die positive Resonanz ermuntert ihn, dem eingeschlagenen Weg zu folgen. Risikolos ist er nicht. Er kann ihn über die Grenze hinausführen, von der an er zum Richter über die Politik der Regierung wird. Genützt hat Steinmeiers Auftritt auch jenen Bürgern, denen er aus dem Herzen sprach. Sie können sich verstanden fühlen. Nützt Steinmeiers Auftritt aber auch Yücel? Erdogan wird wohl den Teufel tun und ihn freilassen. Mit Steinmeiers Appell ist der Fall zur Prestigefrage geworden. Gäbe Erdogan nach, würde er in den Augen seiner Anhänger Schwäche zeigen. Er hätte sich deutschem Druck gebeugt und eingestanden, dass Yücel unrechtmäßig festgehalten wurde. Erdogan verlöre sein Gesicht. Je heftiger er öffentlich bedrängt wird, desto länger wird er Yücel festhalten. Der Journalist wird vermutlich erst freikommen, wenn gewährleistet ist, dass Erdogan sein Gesicht behält. Für Yücel aussichtsreicher wäre es wohl, statt mit öffentlichen Appellen auf diplomatischem Wege Druck auszuüben. Erdogan wird das Gefängnistor erst öffnen, wenn es für ihn teurer wird, Yücel gefangen zu halten als ihn freizulassen. – Ulrich Horn

In Deutschland hat der Fußball das Sagen

Der König, der selbst über Merkel herrscht

Montag, 7. April 2014

Politik, Sport

(uh) Der Fußball steht auf dem Höhepunkt seiner Macht. Ende der 70-er, Anfang der 80-er Jahre war sein Ruf dahin. Inzwischen setzt er Maßstäbe. Er bewegt viel mehr Menschen als jeder andere gesellschaftliche Zusammenschluss. Längst übertrifft er die Bindungskraft der Kirchen, Parteien und Gewerkschaften.

Die Sitten verrotten

Großen Einfluss übt er über das Fernsehen aus. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben sich ihm ausgeliefert. Sie räumen ihm ein, die Übertragungen mitzugestalten. Sie opfern ihm journalistische Distanz und fachliche Kompetenz.

Die Moderatoren üben kaum noch Kritik. Der Mangel beeinträchtigt die Spiel-Analysen. Die Interviews nach den Spielen sind nichtssagend. Den Trainern und Spielern begegnen die TV-Bediensteten oft devot. Geplappert wird überwiegend im Präsens. Den Konjunktiv haben die Sender und der DFB offenbar verboten. Oft treten die Interviewer so auf, als seien sie beim DFB und bei den Vereinen angestellt.

Die Moderatoren sind stark auf den FC Bayern fixiert. Der Verein wird ständig bejubelt. Die peinliche Lobhudelei zeugt davon, dass journalistischen Maßstäbe wegbrechen. In welchem Umfang die Sitten in den Sendern verrottet sind, zeigte der Auftritt der ZDF-Moderatorin Müller-Hohenstein während des Hoeneß-Skandals.

Spitzenmanager waren dienlich

Dass ARD und ZDF ehemalige Bayern-Spieler als Experten beschäftigen, die selbst Spiele der Bayern und der Nationalmannschaft mit ihrem hohen Anteil an Bayern-Spielern kommentieren, demonstriert, wie sehr die Sender und ihre Programm-Macher unter die Walze des Fußballs und dessen Machtzentrum, des FC Bayern, geraten sind.

Der Fußball hat auch die Justiz im Griff. Sie gab dem Steuerbetrüger Hoeneß ungewöhnlich viel Zeit, Belege beizubringen. So verschaffte sie ihm die Möglichkeit, den Prozessverlauf zu prägen. Die Aufklärung wurde der öffentlichen Verhandlung entzogen und in die Finanzverwaltung verschoben, die dem Steuergeheimnis unterliegt. Die Justiz ließ zu, dass die Straftat selbst bei der Aufklärung das Licht der Öffentlichkeit meiden kann.

Dienlich verhielten sich dabei die Manager deutscher Weltkonzerne im Aufsichtsrat des FCB. Sie hielten den Betrüger im Amt und unterließen eine vereinsinterne Untersuchung. Das, was zu verschleiern ist, scheint so groß, dass es diese mächtigen Aufsichtsräte vorzogen, lieber als Spießgesellen des Steuerbetrügers dazustehen, als den Anstandsregelns Geltung zu verschaffen, denen sie in ihren Konzernen unterliegen.

Den Steuerbetrüger gesalbt

Die Politik hat vor dem Fußball längst die Waffen gestreckt. Die CSU ist vom FC Bayern abhängig. Sie hat darauf hingewirkt, ihr Image und das des Landes dem des Fußballclubs anzupassen. Sie sind so eng miteinander verwoben, dass ein falsches Wort aus der Partei schwer auf sie zurückfallen könnte.

Sogar die Kanzlerin fürchtet offenbar den Fußball. Sie zeigte sich erleichtert, dass Hoeneß der Öffentlichkeit die Aufklärung ersparte. Die Regierungschefin zollte dem Steuerbetrüger Respekt dafür, dass er auf die Revision verzichtete und seinen Fall damit in die Dunkelkammern der Steuerbehörden mit ihren Verschwiegenheitspflichten verlagerte. Auch die SPD lobte ihn.

Unweigerlich fragt man sich: Was schlummert in den Hoeneß-Akten, das die Kanzlerin bewog, den Straftäter öffentlich zu salben? Ist Hoeneß nicht nur Täter, sondern auch Opfer? Geht er auch deshalb ohne Revision in den Knast, um ihn anderen zu ersparen?

Die Spielregeln dehnen

Der Fußball fesselt die Politik, weil er Massen fasziniert. Der Männersport wurde auch zur Herzensangelegenheit vieler Frauen. Viele Menschen scheinen ihre Identität weniger aus einem Glauben oder einer Überzeugung zu entwickeln als aus der Zuordnung zu einem Fußball-Verein.

Der Staat trägt der Macht des Fußballs Rechnung, indem er riesigen Aufwand betreibt, um eine überschaubare Zahl gewalttätiger Fans in Schach zu halten. Wirklich durchgreifend geht er dabei nicht vor. Er weiß: Der Fußball, seine Vereine und die Fans sind gefährlicher Gegner, die man besser nicht reizt.

Längst prägt er den Alltag, auch mit seinen negativen Seiten, etwa mit der Neigung, sich den Spielregeln zu entziehen und sie zu dehnen. Taktische Fouls sind kein Tabu. Bei vielen Aktionen wird in Kauf genommen, den Gegenspieler zu verletzen. Als Rechtfertigung dient die Ausrede: Der Fußball sei halt ein Kampfspiel. Es ist inzwischen wohl mehr Kampf, Kommerz und Krampf als Spiel. Die WM in Brasilien wird es erneut zeigen.


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6 Kommentare zu “Der König, der selbst über Merkel herrscht”

  1. Michael Scholz sagt:

    Fußball ist für mich schon lange kein Sport mehr. Dieses ganze dumme, sich immer wieder wiederholende phrasendreschende Geschwätz ist noch nicht einmal das Schlimmste. Viel schlimmer ist die Kriecherei der ÖR im speziellen vor dem „FCB“. Wenn da alles rauskommen würde, wäre der „Fußball“ in DE mausetot, und es gäbe Aufstände durch die fußballmanipulierten „Fans“.

  2. dr.pingel sagt:

    Die Dominanz der Bayern ist gerade dabei, die Bundesliga zu zerstören. Was ich vorausgesagt habe, tritt jetzt ein: Wenn die Sache entschieden ist, werden Spiele abgeschenkt, sowohl von den Bayern wie von den anderen Vereinen. Die Siege der Bayern sind kontraproduktiv oder, altmodisch gesagt, Pyrrhussiege, denn sie haben in der Liga keine gleichwertigen Gegner und könnten schon am Mittwoch sehr dumm aus der Wäsche gucken. Ansonsten trifft alles zu, was Ulrich Horn dazu gesagt hat. Der zusammenfassende Begriff dafür ist: MAFIA.

  3. Fußball ist nicht nur ein Sport, sondern in immer größerem Ausmaß ein Geschäft. Viele sind der nicht leicht widerlegbaren Meinung, dass mittlerweile der Fußball zu einem wirtschaftlichen Unternehmen mutiert ist, das ein Staat im Staat zu werden droht. Mit einer eigenen Justiz und Rechtssprechung, bei der Grundgesetz und Menschenrecht nicht zu gelten scheinen.
    Wenn für jeden Bürger und für jede Institution gilt, dass Menschenhandel verboten ist, so ist dieses GG für den Fußball außer Kraft gesetzt. Es wird mit „Spielermaterial“ Handel getrieben, Spieler werden „ausgeliehen“, und ein „Kündigungsrecht“ wie in der freien Wirtschaft ist für einen Ligaspieler ein Fremdwort. Ein Spieler muss sich freikaufen, und der „besitzende“ Verein kann eine Ablösesumme festlegen, die den „Wert“ des Spielers festlegt. Es werden mit Ablösesummen jongliert, dass jedem normalen Menschen der Kopf schwirrt.
    Für jeden Bürger und für jeden Unternehmer ist es selbstverständlich, dass Polizei-und Feuerwehreinsätze im Falle der Beanspruchung kostenpflichtig sind – nicht so für den Fußball. Jede Demo, bei der Gewalt und Schlägerei zu befürchten sind, können verboten werden, und sie werden verboten. Nicht so beim Fußball, wo Woche für Woche schwerste Krawalle von so genannten Fans an der Tagesordnung sind und Polizeieinsätze fast schon zur Normalität zählen.
    Doch so lange die Fans jeden Preis zahlen und die Stadien voll sind, wird sich daran nichts ändern, denn – siehe Kaiserslautern – die ganze Region braucht den 1. FCK, als wirtschaftliches und gesellschaftliches Überlebenselixier.
    Dass dabei die Hilfen von Staat und Regierungen durch Steuergeschenke und kaufmännischen Tricks sich außerhalb der Legalität bewegen, scheinen ein paar Fans und Profitäre billigend in Kauf zu nehmen – der Zweck heiligt wohl die Mittel.

  4. Martin Böttger sagt:

    Lieber Herr Horn, volle Zustimmung von mir. Ergänzend: Was „Wetten dass…“ nicht mehr schaffte, schafft der Spitzenfußball noch. Über ihn wird am nächsten Morgen geredet, weil die meisten, Junge wie Alte, darunter immer mehr Frauen, ihn gesehen haben.
    Er erlaubt Rückschlüsse auf gesellschaftliche Veränderungen, z.B. die späte Integration von MigrantInnen hierzulande, über die Geschwindigkeitszunahme bei Informationsweitergaben und Entscheidungsprozessen, über den Vorteil flacher Hierarchien dabei, über Bedeutung, aber auch Austauschbarkeit „genialer“ Individuen, über die Erfolgsbedingung Teamgeist.
    Die Politik im Lande ist schon so schwach, dass sie nicht nur seine Nähe sucht, das hat sie schon immer getan, sondern seine Sprache und seine Kategorien übernimmt und von ihm zu lernen versucht. Das hat’s bei Szepan und Kuzorra nicht gegeben.
    Das macht den Fußball zu einem Teil des Herrschaftssystems, was dazu führt, dass in immer mehr Ländern das Volk nun auch gegen ihn aufsteht, obwohl es den Fußball als Sport sehr liebt.
    Hierzulande kann das studieren, wer sich ernsthafter mit dem Phänomen der „Ultras“ und ihrer Beziehung zu den jeweiligen Vereinsbossen beschäftigt. Im DFL-Management ist es Andreas Rettig, der das tut und sich damit Respekt erworben hat, von dem so mancher Polizeipräsident träumt. Ich bin gespannt, wie weit er damit kommen wird im deutschen Fußballsystem.
    Fußball ist nicht zuletzt auch relevanter Teil der Ökonomie, und was das betrifft, derzeit weltweit, kontinental und national im Stadium der „Blasenbildung“. Das Fiese dieser Blasen ist, dass man weiss, dass sie platzen werden, aber nie wann …

  5. Martin1 sagt:

    Brot + Spiele

    Ich sehe Fußball als (unwichtiges) Instrument an, um das blöde Volk (jedenfalls die männlichen) ruhig zu halten. Für Frauen gibt es GNTM und anderes.

    Mehr als 70 % unseres verdienten Geldes gehen an den Staat, wir versorgen Schmarotzer, Selbstbedienung der PolitikerInnen etc.: Dennoch geht kaum jemand auf die Straße oder stürmt gar die Parlamente… Das TV (mit seiner Zwangsbezahlung) erfüllt seine Aufgabe gut.

  6. […] Längst prägt er den Alltag, auch mit seinen negativen Seiten, etwa mit der Neigung, sich den Spielregeln zu entziehen und sie zu dehnen. Taktische Fouls sind kein Tabu. Bei vielen Aktionen wird in Kauf genommen, den Gegenspieler zu verletzen. Als Rechtfertigung dient die Ausrede: Der Fußball sei halt ein Kampfspiel. Es ist inzwischen wohl mehr Kampf, Kommerz und Krampf als Spiel. Die WM in Brasilien wird es erneut zeigen.   Crosspost von Post von Horn […]

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