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Nebenbei

  • Steinmeier und Yücel

    In der Türkei sitzen viele Dutzend Journalisten im Gefängnis. Unter ihnen befindet sich auch Deniz Yücel, Er ist türkischer und deutscher Staatsbürger. Bundespräsident Steinmeier hat seine erste Rede für einen Appell an den türkischen Präsidenten Erdogan genutzt. „Geben Sie Deniz Yücel frei!“ Eine selbstverständliche und dennoch bemerkenswerte Forderung. Die meisten Bundespräsidenten hielten sich aus der Tagespolitik heraus. Dass Steinmeier anders verfährt, hat ihn viel Lob eingebracht. Es hieß, er sei ein Präsident mit Biss, ein Mann, der klare Kante zeigt. Wem nutzt dieser Auftritt? Zunächst ihm selbst. Die positive Resonanz ermuntert ihn, dem eingeschlagenen Weg zu folgen. Risikolos ist er nicht. Er kann ihn über die Grenze hinausführen, von der an er zum Richter über die Politik der Regierung wird. Genützt hat Steinmeiers Auftritt auch jenen Bürgern, denen er aus dem Herzen sprach. Sie können sich verstanden fühlen. Nützt Steinmeiers Auftritt aber auch Yücel? Erdogan wird wohl den Teufel tun und ihn freilassen. Mit Steinmeiers Appell ist der Fall zur Prestigefrage geworden. Gäbe Erdogan nach, würde er in den Augen seiner Anhänger Schwäche zeigen. Er hätte sich deutschem Druck gebeugt und eingestanden, dass Yücel unrechtmäßig festgehalten wurde. Erdogan verlöre sein Gesicht. Je heftiger er öffentlich bedrängt wird, desto länger wird er Yücel festhalten. Der Journalist wird vermutlich erst freikommen, wenn gewährleistet ist, dass Erdogan sein Gesicht behält. Für Yücel aussichtsreicher wäre es wohl, statt mit öffentlichen Appellen auf diplomatischem Wege Druck auszuüben. Erdogan wird das Gefängnistor erst öffnen, wenn es für ihn teurer wird, Yücel gefangen zu halten als ihn freizulassen. – Ulrich Horn

Rhein-Ruhr-Region auf den Spuren von Rio de Janeiro

Kraft träumt von Olympia in NRW

Montag, 22. August 2016

Politik

Deutschlandweit macht sich der Eindruck breit, in NRW sei der Hund verfroren. Auch überregionale Medien berichten, das Land hinke hinter den anderen Ländern her. In vielen Rankings liegt NRW am Ende. Die NRW-Minister machen eher mit Pannen als mit Projekten von sich reden. Ministerpräsidentin Kraft (SPD) gilt als einfallslos. „Sie will: nichts“, urteilte kürzlich die „Zeit“. – Diese Diagnose scheint überholt. Nach sechs Amtsjahren hat Kraft doch noch eine Idee gefunden – Olympia in NRW.

Manchen Euro verdienen

Auf die Idee ist sie nicht selbst gekommen. Sie nahm sie wahr, griff sie auf und machte sie sich zu eigen. Bemerkenswert ist dieser Vorgang deshalb, weil er nicht selbstverständlich, sondern singulär ist. Kraft gilt, was Ratschläge und Empfehlungen angeht, als unzugänglich. Bis heute hat sie kein Entwicklungskonzept für das Land.

Dieses Defizit lässt sich nicht mehr verbergen. Von Regierungsjahr zu Regierungsjahr trat es deutlicher hervor. Um von diesem Manko und den Mängeln des Landes, der Landesregierung und der Regierungspartei SPD abzulenken, kommt die Idee „Olympia in NRW“ gerade recht.

In die Welt setzte sie der Ehemann des verstorbenen FDP-Politikers Westerwelle, Michael Mronz, von Beruf Manager von Sportfesten. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass auch er von „Olympia in NRW“ profitieren könnte. Bei den Spielen gibt es nicht nur viele Schlagzeilen zu machen und viel zu repräsentieren, sondern auch jede Menge zu managen – und manchen Euro zu verdienen.

Nicht über den Weg trauen

Mronz kann mit der Resonanz auf seine Geschäftsidee zufrieden sein. Neben Kraft, die für das Dasein ihrer Regierung nach einem Sinn sucht, sprangen auch andere auf den Zug. Viele Gruppen und Organisationen sind den Niedergang des Landes leid. In jenen Städten der Rhein-Ruhr-Region, die finanziell und wirtschaftlich am Boden liegen, sehnt man sich schon lange nach Aufschwung, Genesung, Ansehen und Respekt.

In diesem ausgedörrten Umfeld schlägt das olympische Feuer schnell hohe Flammen. Das Thema liegt ohnehin am Wind. Mronz brachte seine Idee ins Spiel, als in Rio die Spiele anliefen. Sie sorgten für große Aufregung und viel Diskussionsstoff. Sie sind in den vergangenen Monaten mächtig in Verruf geraten. Mit ihrem schlechten Leumund verursachten sie größere Turbulenzen als mit den Leistungen der Athleten.

Olympia ist anrüchig geworden, seit bewiesen ist, dass Putins Regierung bei den Winterspielen 2014 in Sotschi viele russische Athleten dopte. Die Olympischen Spiele haben sich als Tummelfeld von Lügnern und Betrügern entpuppt. Sportfunktionäre und Athleten trauen sich nicht mehr über den Weg.

Im Standortwettbewerb punkten

Den Olympia-Gedanken hat die Politik unterminiert. Sportler und Sportfunktionäre, die ihn schützen sollten, haben ihn verraten. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) half mit, die Spiele zu desavouieren. Sein Umgang mit dem Dopingskandal vergrößerte ihn noch und wurde selbst zum Skandal.

In Rio konnte man Olympias Trümmerstücke bestaunen. Das IOC ist diskreditiert, über Athleten und Funktionären schwebt der Dopingverdacht. Das arme Schwellenland Brasilien verschwendete Milliarden, um einige Wochen lang zu protzen. Ein riesiger Sicherheitsapparat hielt um die Sportstätten herum Arme und Kriminelle in Schach. Die Stadien blieben oft leer. Die Zuschauer vor den Bildschirmen wussten nicht, ob sie sich über die Leistungen der Athleten freuen durften oder ob sie sich gelinkt fühlen mussten.

Olympische Spiele werden von Regierungen seit Jahrzehnten zur Stadt- und Regionalentwicklung missbraucht. Zur Vorbereitung der Wettkämpfe flossen riesige Mittel in Sportstätten und Infrastruktur. Die Bewerberstaaten nutzten die Spiele, um ihre Leistungskraft zu demonstrieren und im internationalen Standortwettbewerb zu punkten. Olympia wurde zu einer Frage des politischen Prestiges und des staatlichen Renommees. Rio hat sich über Olympia wohl umfassend ruiniert.

Als Luftnummern erwiesen

In Deutschland fällt es zunehmend schwerer, Zustimmung für die Spiele zu finden. Die Fußball-WM 2006 wurde als Sommermärchen gefeiert. Heute umweht es der üble Geruch von Lug und Trug. In den wohlhabenden Städten München und Hamburg lehnten die Bürger kürzlich Olympia-Pläne ab. Die Spiele schienen ihnen zu teuer, zu umweltschädlich und mit zu vielen Unannehmlichkeiten verbunden.

Schon einmal strebte NRW danach, die Spiele auszurichten – für 2012. Damals wollte die Regierung Clement die Rhein-Ruhr-Region mit Olympia aufwerten. Der Transrapid zwischen Dortmund und Köln sollte die Modernität des Landes symbolisieren und sie bei den Spielen in NRW der ganzen Welt demonstrieren. Beide Visionen, der Transrapid und Olympia in NRW, erwiesen sich als Luftnummern. Sie platzten wie Seifenblasen.

Die Olympia-Bewerbung scheiterte schon bei der nationalen Vorauswahl. Deutscher Kandidat wurde Leipzig. Die Spiele dort sollten die Wiedervereinigung krönen und in den neuen Ländern für Aufbruchstimmung sorgen. Dabei wusste jeder, dass Leipzig chancenlos war. Die ostdeutsche Provinzstadt verlor wie erwartet – gegen die Weltmetropole London.

Nur begrenzt zu nutzen

Hat NRW heutzutage bessere Chancen auf die Spiele? Sollen die Bürger Olympia akzeptieren, müssen sich die Kosten in Grenzen halten. Die Rhein-Ruhr-Region über die Spiele zu sanieren, wird dann wohl eine Illusion bleiben. Mronz müsste die Vorbehalte gegen Olympia kennen. Nicht umsonst hebt er hervor, das Land könne doch seine vorhandenen Sportstätten für die Wettbewerbe nutzen.

Zweifellos hat NRW viele passable Sportstätten. Ob sie noch den IOC-Standards genügen, wenn die NRW-Spiele in 12 oder 16 Jahren stattfänden, ist fraglich. Mag sein, dass ein Teil der Sportstätten auch dann noch olympiatauglich ist. Die restliche NRW-Infrastruktur ist es jedenfalls nicht. Sie ist nicht einmal alltagstauglich. Für ein wochenlanges Großereignis wie die Olympischen Spiele wäre sie wohl weitgehend unbrauchbar.

Brücken sind gesperrt. Sie drohen einzustürzen. Züge sind überfüllt und unpünktlich. Der öffentliche Nahverkehr ist unübersichtlich organisiert und technisch veraltet. Straßen und Autobahnen befinden sich in miserablem Zustand. Die meiste Zeit des Jahres steckt NRW im Stau. Dieser Zustand werde ein Jahrzehnt anhalten, verkündet die Landesregierung, vermutlich eine viel zu optimistische Einschätzung. Seit das Mobiltelefon erfunden wurde, sind seine Vorteile in den ländlichen Regionen und entlang der NRW-Verkehrsadern selbst in den Ballungsgebieten nur eingeschränkt nutzbar. Obwohl das Land Sitz großer Mobilfunkunternehmen ist, ähnelt es mit seinen Funklöchern seit zwei Jahrzehnten einem Schweizer Käse.

An Attraktivität verloren

Bevor die NRW-Regierung mithilfe der Olympischen Spiele das Land modernisieren könnte, müsste sie das ins Trudeln geratene Bundesland wohl zunächst einmal auf Vordermann bringen, damit es für Olympia überhaupt erst bewerbungsfähig wird. Bisher deutet nichts darauf hin, dass die Landesregierung dieses Problem in den Blick bekommen und die Energie und Kreativität zu seiner Lösung aufbringen könnte: Ministerpräsidentin Kraft jedenfalls sieht NRW und das Ruhrgebiet in gutem Zustand. Zumindest was das Ruhrgebiet angeht, gilt diese Einschätzung vielerorts in NRW als realitätsfern, auch innerhalb des Ruhrgebietes.

Mit Rio de Janeiro verband die Welt Dolce Vita, Samba, Karneval, das Girl von Ipanema und die Mädels von der Copacabana. Die Olympischen Spiele haben dieses Klischee zerstört. Sie machten die riesigen Probleme der Stadt, der Region und des Landes bewusst. Die Spiele dort wirkten gänzlich deplatziert. Olympia hat Rio entzaubert. Dem Bild, das Ministerpräsidentin Kraft von NRW und der Rhein-Ruhr-Region zeichnet, könnte es ähnlich ergehen.

Setzt sich Olympias Ansehensverlust fort, wird es IOC-Chef Bach schwer haben, akzeptable Ausrichter für die Spiele zu finden. Dann dürfte für die Rhein-Ruhr-Region die große Stunde schlagen. Hinter Rio braucht sie sich nicht zu verstecken. An Rhein und Ruhr gibt es zwar heute noch keine Favelas, aber genügend No-go-Areas, die auf dem besten Weg dahin sind. – Ulrich Horn


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8 Kommentare zu “Kraft träumt von Olympia in NRW”

  1. Hartwig Kümmerle sagt:

    Toll! Im Sinne von tollwütig! Offensichtlich will sie NRW auf fremde Kosten sanieren. Auf so eine Idee muss man erst einmal kommen. Wie heißt es so schön? Keine Ahnung, aber davon viel.

  2. Martin Böttger sagt:

    Frau Kraft ist damit eine würdige Repräsentantin der SPD und des Niveaus unserer politischen Klasse, mehr als es denen lieb sein kann. Denen dürften doch die Erkenntnisse zu Olympischen Spielen, die Sie Herr Horn hier zusammenfassen, nicht entgangen sein. Oder doch? Wie kann das passieren? Man könnte sich über diese Erkenntnis ironisch zurücklehnen. Was einen daran hindert, ist der Schaden, den NRW und unsere Demokratie dabei erleiden. Mich macht das unruhig.

  3. Roland Appel sagt:

    Wer Michael Vesper gestern im Fernsehen und heute morgen im DLF im Interview verfolgt hat, kann nicht glauben, dass er mal Minister in NRW war. Wie man derart wirklichkeitsfremd alle sozialen Probleme Rios und die brutale Realität Brasiliens völlig ausblenden kann, ist unfassbar. Vesper, Bach und ihre Freunde bewegen sich offensichtlich ausschließlich in einem Dunstkreis von Athleten und ihren Sponsoren, Verbandsfunktionären und Regierungslackaffen der jeweiligen „Bespielorte“ und verprassen unter anderem unsere öffentlich-rechtlichen Gebühren. Dass die SPD-Ministerpräsidentin einen solchen unseriösen Zirkus, der immer mehr an Zustimmung in den Austragungsländern verliert, nicht durchschaut, sondern auch nur erwägt, einen der von Walter Borjans hartnäckig erbeuteten Steuergroschen für so einen Unsinn auszugeben, ist in der Tat erschreckend unpolitisch.

    • Ulrich Horn sagt:

      Zur Vollständigkeit sei hinzugefügt, dass Vesper von 1995 bis 2005 in NRW Minister der Grünen war. Er wurde seit 2000 auch als Sportminister tätig.

  4. walter dyroff sagt:

    -Olympia ist anrüchig geworden, seit bewiesen ist, dass Putins Regierung bei den Winterspielen 2014 in Sotschi viele russische Athleten dopte.-
    Hier kann der interessierte Leser die andere Sicht der Dinge kennenlernen.
    Olympischer Krieg
    von Michail Leontjew
    http://www.voltairenet.org/article192681.html

    • Ulrich Horn sagt:

      Herr Dyroff,
      der Beitrag von Herrn Leontjew wirkt auf mich wie eine Selbstentblößung. Er zeigt, wie kaputt Olympia tatsächlich ist.

      • walter dyroff sagt:

        Sehr geehrter Herr Horn,
        ich sehe das ähnlich.
        Wie „kaputt?“ der olympische Gedanke ist, erzählt der Dopingexprte des ZDF im Olympiastudio des ZDF. http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2817754/Thevessen-Doping-wie-ein-Schatten
        Olympia ist nicht allein der Wettbewerb zwischen Coca und Sinalco, Nike und Addidas, es ist eben auch spätestens seit 1936 ein Wettkampf der Systeme. Es war bezeichnend, dass anlässlich der olympischen Spiele in Peking zwei chinesisch stämmige Moderatorinnen der deutschen Welle? von ihren Posten entbunden wurden, wegen zu wenig Kritik an China. Bei dieser Gelegenheit hat auch Herr Vesper, der ebenfalls Mitglied der Gesprächsrunde war, sein „Fett“ wegbekommen.
        Schade, dass es nicht nur ums Geschäft geht, sondern Olympia so politisiert wird. D.h.der Gedanke der „Völkerverständigung“ in sein Gegenteil verkehrt wird.
        Wegen Öl und Rohstoffen vermutlich.

  5. Hans Meier sagt:

    Des Pudels Kern im Sport ist ja die Freude am Turnier, am fairen Wettbewerb. Diese Lust um die Wette die Fähigkeiten in den Disziplinen antreten zu lassen. Dieses „Verlieren zu können“, wenn die Konkurrenten besser sind. Natürlich würde ich mir wünschen, dass diese Mentalität und dieser olympische Geist in NRW eine Chance hat, statt dem ganzen schlechtgelaunten Geknatsche, diesem „ach man is mir übel“!
    Der Wettbewerb hat einen Rahmen, hat Regeln, in dem nur die Fakten zählen! Die Schiedsrichter achten darauf, dass diese Regeln eingehalten werden.
    Nur was ist, wenn wir keinen Wettbewerb als politische Kultur haben? Wie in einer Schweizer Demokratie. Was, wenn wir von unseren Regierungsmedien täglich gedopt werden? Wenn der Wettbewerb vom Sozialismus geächtet wird und als nicht zeitgemäß verachtet wird? Was ist dann völlig verloren? Wenn das Energiesparen als Gewinn gefeiert wird, hat jede Vernunft verloren! Jeder olympische Sieg basiert auf dem Einsatz aller Kraft und nicht der „Kraftlosigkeit“!

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