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Nebenbei

  • Wem die „Straße“ nutzt

    Schauen wir drei, vier Monate zurück. Was stellen wir fest? Damals vollzogen sich Metamorphosen. Rechtzeitig zur Wahl in den Niederlanden Mitte März verwandelten sich Journalisten in Auguren. Voller Inbrunst sagten sie Europas Ende voraus. sahen so abenteuerliche Gestalten wie Wilders, Le Pen, Höcke und Gauland die Macht übernehmen und die EU zerstören. Doch die Niederländer spielten nicht mit. Sie ließen sich nicht verrückt machen. Sie erteilten den Rechtsradikalen eine Abfuhr. Die Auguren in den Medien beruhigten sich nicht. Sie schauten auf die Präsidentschaftswahl in Frankreich und malten erneut den Teufel an die Wand. Wieder vergeblich. Die Franzosen kehrten Le Pen den Rücken, hissten die Europa-Flagge und folgten Macron. Auch dieses Wahlresultat beruhigte die Journalisten nicht. Nun sorgten sie sich, die französischen Wähler könnten bei der Wahl zur Nationalversammlung Europa in den Untergang treiben. Die Wähler taten das Gegenteil. Sie verschafften Macron die absolute Mehrheit, ließen den Front National verkümmern und mit ihm den Rest des vertrockneten politischen Establishments. Und nun? Nun raunen die Auguren, die Wahlbeteiligung sei extrem niedrig gewesen. Macron und seine absolute Parlamentsmehrheit könnten mit ihren Reformen am Widerstand der „Straße“ scheitern. Die „Straße“, wer ist das? Es ist vor allem der Gewerkschaftsbund CGT, der den Kommunisten nahesteht. Er ist für die Probleme mitverantwortlich, die Frankreich paralysieren und die Macron mit den vielen Anhängern seiner Partei La République en Marche! beheben will. Warum so viele Franzosen dennoch nicht wählen gingen? Vielleicht sammeln sie Kraft, um demnächst gegen die CGT und für Macrons Reformen auf die Straße zu gehen. Wen würde das wundern? Mich nicht. – Ulrich Horn

Zum Rücktritt der WDR-Intendantin

Wie ein Kartell des Schweigens

Samstag, 23. Februar 2013

Medien

(uh) In Köln ist manches anders. Das beginnt schon beim WDR. Ungewöhnlich ist: Seine Intendantin Piel lässt sich für eine weitere Amtszeit wählen und kündigt dann. Noch ungewöhnlicher ist: Sie nennt den Grund nicht. Noch ungewöhnlicher. Während ihr Nachfolger gesucht wird, hat sie für ihn schon mit Stefan Wirtz einen Unternehmenssprecher berufen. Noch ungewöhnlicher: Obwohl Wirtz sein Amt erst im April antritt, macht er jetzt schon von sich reden.

Spekulationen schießen ins Kraut

Die Gelegenheit dazu bot ihm der Kölner Stadtanzeiger. Das Blatt wagte es, sich im WDR umzuhören und nach der Stimmung unter den Mitarbeitern zu fragen. Sie soll nicht besonders gut sein. Von einem eisigen Klima ist die Rede. Als eine der Ursachen wird der sonderbare Abgang der Intendantin genannt.

Zur Erklärung für ihren Ausstieg führt Piel persönliche Gründe an. Das erklärt nichts, sorgt jedoch dafür, dass die Spekulationen kräftig ins Kraut schießen. Das war absehbar, zumal in einem Großbetrieb mit bürokratischen Strukturen, der von Informationen lebt. Piel muss das klar sein, andernfalls hätte sie ihren Beruf verfehlt. Sie nimmt die Irritationen, die sie hervorruft, offensichtlich in Kauf.

Nicht so der designierte Pressesprecher. Als wolle er der scheidenden Intendantin demonstrieren, wie sehr er ihr zu Dank verpflichtet sei, schreibt Wirtz dem Stadtanzeiger einen langen Brief, der sich im WDR-Intranet findet und seinen . Wirtz stößt sich daran, dass der Stadtanzeiger das Klima im WDR erforschte, ohne den Personalrat zu fragen, der die Stimmung qua Amt doch bestens kenne. Da wiehert der Amtsschimmel.

Üppige Berichterstattung

Wirtz nimmt die Irritationen, auf die der Stadtanzeiger in der Belegschaft stieß, nicht einmal im Ansatz wahr. In seinem Schreiben behauptet er das Gegenteil von dem, was der Stadtanzeiger herausfand. Wirtz meint: Von Ausnahmen abgesehen seien alle mit Piel zufrieden. Beim WDR sei alles in Ordnung. Da lachen selbst in Köln die Hühner.

So lang der Brief auch ist: Eigentlich gibt er nur eine kurze Meldung her. Doch der Stadtanzeiger berichtet über ihn in einem sehr langen Artikel, der beinahe noch länger ist als der Artikel, den der Briefschreiber kritisiert. Die üppige Berichterstattung über den Brief liest sich wie eine Gegendarstellung. Das kann zwei Gründe haben.

Entweder ist der Stadtanzeiger so eingeschüchtert, dass er vor Wirtz in Ehrfurcht erstarrt und ihm jede Menge Platz in der Zeitung einräumt, um ihn zufrieden zu stellen. Oder das Blatt wollte den WDR-Beschäftigten, die über das eisige Betriebsklima klagen, vor Augen führen, dass Wirtz keine Ahnung vom Klima in der Anstalt hat oder es wider besseres Wissen schön schreibt. In diesem Fall hätte der Stadtanzeiger Wirtz geholfen, sich in der Belegschaft zu blamieren. Für diese Annahme spricht einiges.

Abträgliche Zurückhaltung

Der Brief ist in vielerlei Hinsicht aufschlussreich. Wirtz schreibt, er habe mit Kollegen der überregionalen Presse ein Arrangement getroffen, nicht über den Piel-Rücktritt und dessen Ursachen zu spekulieren. Man fasst es nicht. Wer als Sprecher eines Medienunternehmens Journalisten Absprachen mit anderen Journalisten offenbart, beschädigt seine Vertrauenswürdigkeit. Wer will bei Gesprächen mit Wirtz sicher sein, dass er sie nicht weiter trägt?

Damit nicht genug: Sollte Wirtz’ Behauptung zutreffen, ist es ihm gelungen zu verhindern, dass überregionale Zeitungen ihrer Arbeit nachgehen. Was dem CSU-Sprecher beim ZDF daneben ging, nämlich Berichterstattung zu unterbinden, hat Wirtz offenbar bei überregionalen Zeitungen geschafft. Was er mit den Redakteuren vereinbarte, erscheint wie ein Kartell des Schweigens und Verschweigens. Es fragt sich: Welche Redakteure welcher Blätter waren beteiligt und unterdrückten in welchen Umfang welche Informationen?

Frau Piel hat sicher gute Gründe, von ihrem Amt zurückzutreten. Sie täte gut daran, sie darzulegen. Solange sie ihre Rücktrittsgründe nicht erklärt, nährt sie Spekulationen. Das hat sie zu verantworten. Wenn man Piels Gründe kennt, mag ihre Zurückhaltung nachvollziehbar sein. Für den WDR ist sie abträglich. Sie führt selbst in Piels engster Umgebung zu Irrungen und Wirrungen, wie der Brief des designierten WDR-Sprechers zeigt.

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4 Kommentare zu “Wie ein Kartell des Schweigens”

  1. […] Wie ein Kartell des Schweigens | Post von Horn Frau Piel hat sicher gute Gründe, von ihrem Amt zurückzutreten. Sie täte gut daran, sie darzulegen. […]

  2. gp sagt:

    Der WDR gilt als größte ARD-Anstalt. Der Begriff „Anstalt“ impliziert unterschwellig eine „closed area“-Mentalität. Eingedenk des Sender-Standorts evtl. auch mit „Klüngel“ zu umschreiben.
    Über Frau Piels Rücktrittsgründe zu spekulieren, liegt mir fern. Allerdings sollte sie mal von sich aus „Ross und Reiter“ nennen.
    Von Sell, Nowottny, Pleitgen waren mit Klartext unterwegs.
    Und Klartext sollten die Gebührenzahler erwarten dürfen?

  3. […] Wie ein Kartell des Schweigens (Post von Horn) – Über den Rücktritt von WDR-Intendantin Monika Piel. […]

  4. […] Wie ein Kar­tell des Schwei­gens | Post von Horn – Monika Piel hört auf. Ihre Gründe dafür soll­ten kein Thema sein. […]

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