Schrift verkleinern Schrift vergrößern
RSS RSS-Feed

Nebenbei

  • Die Erdogan-Zwickmühle

    Der Konflikt mit der Türkei bringt die SPD in die Zwickmühle. Ein Teil ihrer deutschen Kernwähler, der keine Probleme hätte, zur AfD oder zur Linken abzuwandern, erwartet, dass Deutschland dem türkischen Präsidenten Erdogan zeigt, wo der Hammer hängt. SPD-Außenminister Gabriel und SPD-Kanzlerkandidat Schulz versuchen, dieser Erwartung gerecht zu werden. Sie treten schwungvoll dafür ein, das Verhältnis zur Türkei neu zu justieren. Gabriel riet davon ab, in die Türkei zu reisen und dort zu investieren. Dieser Schritt kann bei vielen der 60 Prozent Türkischstämmigen, die beim Verfassungsreferendum für Erdogan stimmten, übel aufstoßen. Das ist für die SPD durchaus von Belang. Viele Türkischstämmige sympathisieren mit Erdogan und mit der SPD. 70 Prozent der Türkischstämmigen neigen der Partei zu, 55 Prozent der Deutsch-Türken stimmen bei Bundestagswahlen für sie. Mit dem forschen Auftreten gegen Erdogan riskiert die SPD, bei der Bundestagswahl Stimmen der Deutsch-Türken zu verlieren. Der offene Brief, mit dem Gabriel die Türkischstämmigen um Verständnis für den Kurswechsel bat, diente nicht nur dazu, dessen Auswirkungen auf das Zusammenleben in Deutschland abzufedern. Der Brief soll auch verhindern, dass die SPD bei den Deutsch-Türken an Rückhalt verliert. Bei einer Wahlbeteiligung von 70 Prozent könnte die SPD unter normalen Umständen in dieser Wählergruppe mit 270.000 Stimmen rechnen. Eine riesige Menge ist das nicht. Dennoch legt sich Gabriel mit seinem Beschwichtigungsbrief mächtig in Kurve. In den Umfragen liegt die SPD derzeit zwischen 22 bis 24 Prozent. Da tun schon kleine Verluste sehr weh. Die Union träfe der Unmut der Deutsch-Türken weniger schwer. Sie findet unter ihnen nur zehn Prozent oder knapp 50.000 Wähler. Dafür, dass die deutschstämmigen Unionswähler bei der Stange bleiben, sorgt CSU-Chef Seehofer. Kein Wunder, dass Merkel schweigt und zuschaut, wie sich die SPD abquält. – Ulrich Horn

Das Hamburger Nachrichten-Magazin in der Krise

Zum Spieglein geschrumpft und erblindet

Sonntag, 25. August 2013

Medien

(uh) Ob Parteien, Unternehmen oder Verbände – sobald sich Verfall nicht mehr verdrängen lässt, wächst das Bedürfnis, ihn zu stoppen. Dann häufen sich Eingriffe in Personalstruktur und Organisation. Sie rücken umso massiver in den Vordergrund, je stärker der Niedergang voranschreitet. Sie dienen dann auch dazu, Differenzen in Inhaltsfragen zu überlagern, die schwer zu lösen sind. Das gilt selbst für Redaktionen wie die des Magazins „Der Spiegel“.

Zum Nutzwert-Organ abgeschliffen

Dessen Niedergang zeigt sich an seinen Chefredakteuren. Aust musste gehen, weil Privates und Berufliches ineinander zu fließen schien. Die Nachfolger von Blumencron und Mascolo stritten und bekämpften sich. Öffentlich traten sie kaum in Erscheinung. Sie versuchten erst gar nicht, sich zu einer Instanz zu entwickeln. Würde der Spiegel Auflage machen, wären solche Defizite kaum von Belang. Niemand kommt auf die Idee, in einem blühenden, gewinnträchtigen Unternehmen, dessen Arbeit in aller Munde ist, das Ruder herumzureißen.

Doch der Spiegel blüht nicht. Er schrumpft. Seine Auflage sinkt. In 15 Jahren brach ein Sechstel weg. Noch schneller schwand seine Bedeutung. Exklusive Nachrichten bietet er kaum. Themen, die den öffentlichen Diskurs prägen, sucht man vergeblich. Man muss ihn nicht lesen, um auf der Höhe zu sein. Er schafft es nicht mehr, Akzente zu setzen, die andere Informationsquellen nachrangig erscheinen lassen. Das Nachrichten-Magazin wurde zum Nutzwert-Organ abgeschliffen. Von dieser Sorte gibt es viele.

Die Redaktion hat sich in der historischen Bedeutung des Magazins eingerichtet. Wie die Erben-Gemeinschaft zehrt es immer noch von seinem Gründer Rudolf Augstein. Sein einst schlagkräftiger Apparat wirkt heute träge und fett. Wie bei vielen Informationsprodukten droht die Beschäftigung mit sich selbst den Daseinszweck zu überlagern. Die publizistische Kraft verkümmert. Mit ihr schrumpft die politische und gesellschaftliche Relevanz. Der Spiegel entfaltet kaum noch Wirkung. Längst hat ihm die Bild-Zeitung den Rang abgelaufen. Der Fall Wulff illustriert die Verlagerung der Macht.

Nach rechts gedriftet

Wie desaströs die Verhältnisse beim Spiegel sind, lässt sich an der Suche nach dem neuen Chefredakteur ablesen. In ihrer entlarvenden Naivität nahm sie Ruf schädigende Züge an. Wer da wen inner- und außerhalb des Hauses als neuen Chefredakteur handelte: Man konnte sich nur die Augen reiben und die Ohren zuhalten.

Der künftige Chefredakteur Büchner will das Magazin offenbar auf Trab bringen. Als Ursache für die schlappe Gangart der vergangenen Jahre hat er wohl die Mitarbeiter-KG ausgemacht, die 50,5 Prozent am Spiegel hält und Tendenzen zu bürokratischer Verkrustung begünstigt, wie man sie aus öffentlichen Verwaltungen und Betrieben kennt. Noch ehe Büchner im Amt ist, geht er auf Konfrontation. Er beruft Bild-Mann Blome zu seinem Stellvertreter – gegen die Mitarbeiter-KG. Seither tobt beim Spiegel der Bär.

Die Mitarbeiter argwöhnen, mit Blomes Berufung verbinde sich ein politischer Kurswechsel. Der Spiegel solle nach rechts gerückt werden. Das mag der Redaktion in ihrer Selbstwahrnehmung so erscheinen. Mit vielen Titelgeschichten der jüngeren Zeit vermittelte der Spiegel jedoch immer seltener den Eindruck, ein politisches Nachrichten-Magazin zu sein. Blomes Berufung dürfte politisch links orientierte Kräfte so sehr nicht überraschen. Zu Zeiten Adenauers und Kohls konnten sich Linke noch über das Magazin freuen. Seither sehen sie den Spiegel nach rechts driften. Mit Blome bekommt der schleichende Wandel nun ein Gesicht.

Kampagnen-Journalismus beleben

Wie desolat es beim Spiegel zugeht, zeigt sich auch an der Reaktion der Eigentümer auf Blome. Die Erbengemeinschaft Augstein, die 24 Prozent am Spiegel hält, ist über die Personalie zerstritten. Jakob Augstein stützt Blome, Franziska Augstein hält ihn für unzumutbar. Gruner + Jahr, die dritte Eigentümer-Gruppe, hält sich bedeckt. Sie machte durch den wahnwitzigen Umgang mit ihren Wirtschaftsmedien von sich Reden und hat alle Hände voll zu tun, den Stern zu sanieren. Spiegel-Geschäftsführer Saffe sollte die Personalie mit Gruner + Jahr abgestimmt haben. Er kommt aus diesem Verlag. Sollte Blomes Berufung scheitern und Büchner deshalb hinwerfen, müsste sicher auch Saffe gehen.

Dass Jakob Augstein Blome stützt, gilt auf dem linken Flügel des politischen Spektrums als Beleg, dass Augstein wohl doch nur ein Salonlinker sei. Der Verleger des Freitag füllt zwar bei Spiegel Online eine Kolumne mit dem Titel „Im Zweifel links“. Doch glauben Linke längst, er blinke nur links und biege im Zweifel rechts ab. Augsteins Einsatz für Blome gibt diesem Verdacht neue Nahrung.

Büchner und Augstein spielen das politische Signal herunter, das sie mit Blome zwangsläufig setzen. Sie wollen offenbar dessen Fertigkeit nutzen, Kampagnen zu fahren, Themen zuzuspitzen und politischen Einfluss zu nehmen. Gerade auf diesen Gebieten hatte das Magazin große Kompetenzen. Sie sind inzwischen zu Defiziten verblasst. Das hat den Spiegel blind gemacht. Überleben Büchner und Blome den Machtkampf um das Magazin, muss man sich wohl auf einiges gefasst machen.


Letzter Hinweis: Wenn Sie keinen Beitrag verpassen wollen, können sie links oben oder auch hier Post-von-Horn abonnieren. Empfehlen Sie Post-von-Horn auch Ihren Freunden bei Facebook.

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

3 Kommentare zu “Zum Spieglein geschrumpft und erblindet”

  1. Roland Appel sagt:

    ..dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es ist…sang Hannes Wader in seiner legendären Deutsch-Folk Nummer in den 70ern.
    Das, was Salonlinke wie Joschka Fischer, Daniel Cohn Bendit, die ehemaligen Stamokap-Jusos Gerdahr Schröder und Olaf Scholz Krieg protegierten (was es heute unmöglich macht, politische Alternativen wie Blauhelme und Entwaffnung der Kriegsparteien in Syrien als Alternative zum gewaltsamen Interventionismus auch nur zu denken) in unserer jüngsten Geschichte angerichtet haben, lässt sich noch nicht ermessen.
    Tatsache ist, dass wir uns an einem Scheideweg zwischen Demokratie, Selbstbestimmung und Aufklärung einerseits und Repression durch Datenkraken, Mind-Mapping und weltweiter Bespitzelung durch NSA, CIA und FBI sowie Facebook und Google befinden. Und niemand scheint sich dafür zu interessieren, dass unsere Bürgerrechte von den USA, dem Hort der demokratischen Freiheiten seit fast 240 Jahren, bedroht sind.
    Hinzu kommt die Bedrohung der Aufklärung durch antidemokratische Regime des Islamismus von der Türkei über Iran, Irak, Ägypten, Saudi Arabien und Quatar bis zu Aserbeidschan, Usbekistan und Afghanistan.
    Dass in dieser Situation der Weltpolitik naive Naturen ohne politische Bildung auf Abwege geraten, sollte nicht verwundern. Doof, dass darunter steinreiche Erben wie Jakob Augstein zu finden sind.

  2. Martin Böttger sagt:

    Der „Rang“ der Bild-Zeitung ist ein klassisches Beispiel der Selbstreferentialität von Politik und Medien. Denn auf dem Zeitungsmarkt ist BILD der größte Auflagenverlierer von allen; seit Anfang der 90er Jahre verlor sie rund 50%! Ihren „Rang“ gewinnt sie allein aus der Schwäche der Politiker, die sich umgekehrt proportional zum Volk von BILD die Agenda diktieren lassen. Und ihre schwachen Konkurrenten, zu denen in Sachen Agenda-Setting auch der Spiegel gehört, tun es den schwachen Politikern nach. So kreisen sie um sich selbst, bis sie gestorben sind.

  3. Düsselbarsch sagt:

    Aber Herr Horn!?!

    „Zu Zeiten Adenauers und Kohls konnten sich Linke noch über das Magazin freuen.“

    Wie kann es bei einem Medienprofi wie Ihnen zu einer solchen Vereinfachung kommen. Der Spiegel wurde erst zu Ende seiner Ähra von Adenauer in der sog. Spiegel-Affäre nach Links(liberal) getrieben. Ursprünglich war er das nicht.

    Und die Entwicklung zur Hauspostille der Bonner Republik war dann auch nicht er aufrechte Gang nach Links, oder?

Schreiben Sie einen Kommentar

Ja, ich möchte über neue Blog-Beiträge per E-Mail informiert werden.