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Nebenbei

  • Steinmeier und Yücel

    In der Türkei sitzen viele Dutzend Journalisten im Gefängnis. Unter ihnen befindet sich auch Deniz Yücel, Er ist türkischer und deutscher Staatsbürger. Bundespräsident Steinmeier hat seine erste Rede für einen Appell an den türkischen Präsidenten Erdogan genutzt. „Geben Sie Deniz Yücel frei!“ Eine selbstverständliche und dennoch bemerkenswerte Forderung. Die meisten Bundespräsidenten hielten sich aus der Tagespolitik heraus. Dass Steinmeier anders verfährt, hat ihn viel Lob eingebracht. Es hieß, er sei ein Präsident mit Biss, ein Mann, der klare Kante zeigt. Wem nutzt dieser Auftritt? Zunächst ihm selbst. Die positive Resonanz ermuntert ihn, dem eingeschlagenen Weg zu folgen. Risikolos ist er nicht. Er kann ihn über die Grenze hinausführen, von der an er zum Richter über die Politik der Regierung wird. Genützt hat Steinmeiers Auftritt auch jenen Bürgern, denen er aus dem Herzen sprach. Sie können sich verstanden fühlen. Nützt Steinmeiers Auftritt aber auch Yücel? Erdogan wird wohl den Teufel tun und ihn freilassen. Mit Steinmeiers Appell ist der Fall zur Prestigefrage geworden. Gäbe Erdogan nach, würde er in den Augen seiner Anhänger Schwäche zeigen. Er hätte sich deutschem Druck gebeugt und eingestanden, dass Yücel unrechtmäßig festgehalten wurde. Erdogan verlöre sein Gesicht. Je heftiger er öffentlich bedrängt wird, desto länger wird er Yücel festhalten. Der Journalist wird vermutlich erst freikommen, wenn gewährleistet ist, dass Erdogan sein Gesicht behält. Für Yücel aussichtsreicher wäre es wohl, statt mit öffentlichen Appellen auf diplomatischem Wege Druck auszuüben. Erdogan wird das Gefängnistor erst öffnen, wenn es für ihn teurer wird, Yücel gefangen zu halten als ihn freizulassen. – Ulrich Horn

Die Zeit spielt mit ihrem Mythos

Montag, 16. Januar 2012

Medien

(uh) Die Zeit ist eine renommierte und erfolgreiche Wochenzeitung. Sie gilt als seriös und solide, ihre Autoren sind fach- und sachkundig. Das Blatt ist in politischer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht auf der Höhe der Zeit.

Die Zeit wird geschätzt. Einen Teil ihrer Reputation verdankt sie sicherlich dem Ansehen ihres Herausgebers, Ex-Kanzler Helmut Schmidt. Dessen Glaubwürdigkeit strahlt auf das Blatt ab. Und so wundert es nicht, dass die Zeit im Unterschied zu vielen anderen Zeitungen, die vergeblich gegen den Schwund kämpfen, ihre Auflage halten und sogar steigern kann.

Die Zeitung wird auch deshalb so geschätzt, weil sie für distanzierten und dennoch engagierten Journalismus steht. Das Blatt verzichtet auf spektakuläre Schlagzeilen und beteiligt sich nicht an windigen Kampagnen. Seine Leser würdigen den tiefen Gedanken mehr als den flachen, flinken Effekt. Die Zeitung erfüllt diese Erwartung. Sie hat es geschafft, sich zum Inbegriff der Seriosität zu entwickeln.

Umso deutlicher fällt auf, wenn sie diesem Anspruch einmal nicht gerecht wird. Das geschah erst kürzlich mit dem Interview, das ihr Chefredakteur Giovanni di Lorenzo mit dem Ex-Verteidigungsminister und Plagiator zu Guttenberg führte.

Dass die Zeit ihm die Möglichkeit bot, sie für seine Rückkehr in die Politik zu benutzen, stieß bei vielen Lesern und wohl auch in der Redaktion auf großes Unverständnis. Dass der Abdruck des Interviews in der Zeit wie eine Werbung für das zeitgleich erschienene Interview-Buch wirkte, verstärkte den Unmut noch.

Der Guttenberg-Skandal hatte seriösen Blättern die Möglichkeit eröffnet, das eigene Ansehen zu mehren. Vor allem die FAZ nutzte diese Chance. Sie stemmte sich der Guttenberg-Hysterie entgegen und arbeitete alle Aspekte des Skandals vorbildlich heraus. Schon damals fiel auf, dass der Chefredakteur der Zeit Guttenberg trotz seiner Verfehlungen nicht so recht abschreiben wollte. Das große Guttenberg-Interview schien Fortsetzung und Zuspitzung dieser Einstellung zu Guttenberg zu sein. Schon damals stellte sich mancher die Frage, wie lange sich di Lorenzo als Chefredakteur halten könne.

Diese Frage verschärft sich, seit die taz jüngst von einem sonderbaren Zusammenspiel zwischen di Lorenzo und Bild-Chef Kai Diekmann berichtete. 2005 soll der Bild-Chef bei di Lorenzo interveniert haben. Diekmann beanstandete, dass in einem Bericht der Zeit über eine Studie zum Journalismus in Deutschland sein Name in einem angeblich falschen Zusammenhang erschien. Der Chefredakteur der Zeit gab dem „lieben Kai“ beflissen Recht und veranlasste, dass der Name Diekmann aus den entsprechenden Absätzen des Artikels gelöscht wurde. (1)

Abgesehen davon, dass die taz nun Diekmann als den wahren Wulff entlarvt. Sie stellt auch di Lorenzo in den Regen. Doch während Diekmann den Mut fand, Wulffs Eingriff abzuwehren, brachte di Lorenzo nicht die Courage auf, Diekmanns Intervention zurückzuweisen. Er gab ihr nach.

Ich möchte gar nicht wissen, wie oft so etwas bei der Zeit – und anderen Zeitungen – passiert.
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1. taz – Steffen Grimberg: „Bild“-Chef verhinderte Berichterstattung – Als Diekmann noch wie Wulff war, 15.1.2012

 

 

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