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Nebenbei

  • Söder und die Umfragen

    In repräsentativen Demokratien sollen die Abgeordneten und ihr Gewissen die Gemeinschaft vor schwankenden Stimmungen schützen. Dieses Prinzip steht unter Druck. Mit vielen Abgeordneten ist es nicht mehr weit her. Zudem hat sich die Stimmung in der Bevölkerung zu einer mächtigen Kraft entfaltet. Viele Abgeordnete mögen ihr nicht widerstehen. Viele nutzen sie auch, um ihre Interessen durchzusetzen. Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Söder setzte darauf, dass sie ihn zum Kanzlerkandidaten der Union machen würde. Er mühte sich, in Umfragen zu reüssieren, und wurde zu einem Umfrageriesen. Er ging davon aus, dass er seinen CDU-Konkurrenten Laschet, einen Umfragezwerg, leicht aus dem Feld schlagen könne. Die Rechnung ging nicht auf. Laschet kandidierte. Er verlor. Hätten die Umfragen den Ausschlag gegeben, hätte Söder kandidieren müssen und ganz sicher gewonnen, behaupten er und seine Fans. Damals stand er in den Politiker-Rankings auf Platz 2 gleich hinter Merkel. Was es mit dem Gewicht der Umfragen auf sich hat, zeigt sich heute, drei Wochen nach der Wahl. Söder ist abgestürzt. Beim ZDF-Politbarometer rangiert er nur noch auf Platz 6, gerade noch knapp über der Nulllinie. Ginge es auch heute nach Umfragen, wie es Söder vor der Bundestagswahl wünschte, müsste er sich langsam darauf einrichten, sich vom Acker zu machen, damit bei der Bayernwahl 2023 ein beliebterer CSU-Politiker versuchen kann, die CSU vor dem Fall in die Opposition zu bewahren. Wetten, dass Söder auf Umfragewerte derzeit gar nichts mehr gibt? – Ulrich Horn

Die Zeit spielt mit ihrem Mythos

Montag, 16. Januar 2012

Medien

(uh) Die Zeit ist eine renommierte und erfolgreiche Wochenzeitung. Sie gilt als seriös und solide, ihre Autoren sind fach- und sachkundig. Das Blatt ist in politischer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht auf der Höhe der Zeit.

Die Zeit wird geschätzt. Einen Teil ihrer Reputation verdankt sie sicherlich dem Ansehen ihres Herausgebers, Ex-Kanzler Helmut Schmidt. Dessen Glaubwürdigkeit strahlt auf das Blatt ab. Und so wundert es nicht, dass die Zeit im Unterschied zu vielen anderen Zeitungen, die vergeblich gegen den Schwund kämpfen, ihre Auflage halten und sogar steigern kann.

Die Zeitung wird auch deshalb so geschätzt, weil sie für distanzierten und dennoch engagierten Journalismus steht. Das Blatt verzichtet auf spektakuläre Schlagzeilen und beteiligt sich nicht an windigen Kampagnen. Seine Leser würdigen den tiefen Gedanken mehr als den flachen, flinken Effekt. Die Zeitung erfüllt diese Erwartung. Sie hat es geschafft, sich zum Inbegriff der Seriosität zu entwickeln.

Umso deutlicher fällt auf, wenn sie diesem Anspruch einmal nicht gerecht wird. Das geschah erst kürzlich mit dem Interview, das ihr Chefredakteur Giovanni di Lorenzo mit dem Ex-Verteidigungsminister und Plagiator zu Guttenberg führte.

Dass die Zeit ihm die Möglichkeit bot, sie für seine Rückkehr in die Politik zu benutzen, stieß bei vielen Lesern und wohl auch in der Redaktion auf großes Unverständnis. Dass der Abdruck des Interviews in der Zeit wie eine Werbung für das zeitgleich erschienene Interview-Buch wirkte, verstärkte den Unmut noch.

Der Guttenberg-Skandal hatte seriösen Blättern die Möglichkeit eröffnet, das eigene Ansehen zu mehren. Vor allem die FAZ nutzte diese Chance. Sie stemmte sich der Guttenberg-Hysterie entgegen und arbeitete alle Aspekte des Skandals vorbildlich heraus. Schon damals fiel auf, dass der Chefredakteur der Zeit Guttenberg trotz seiner Verfehlungen nicht so recht abschreiben wollte. Das große Guttenberg-Interview schien Fortsetzung und Zuspitzung dieser Einstellung zu Guttenberg zu sein. Schon damals stellte sich mancher die Frage, wie lange sich di Lorenzo als Chefredakteur halten könne.

Diese Frage verschärft sich, seit die taz jüngst von einem sonderbaren Zusammenspiel zwischen di Lorenzo und Bild-Chef Kai Diekmann berichtete. 2005 soll der Bild-Chef bei di Lorenzo interveniert haben. Diekmann beanstandete, dass in einem Bericht der Zeit über eine Studie zum Journalismus in Deutschland sein Name in einem angeblich falschen Zusammenhang erschien. Der Chefredakteur der Zeit gab dem „lieben Kai“ beflissen Recht und veranlasste, dass der Name Diekmann aus den entsprechenden Absätzen des Artikels gelöscht wurde. (1)

Abgesehen davon, dass die taz nun Diekmann als den wahren Wulff entlarvt. Sie stellt auch di Lorenzo in den Regen. Doch während Diekmann den Mut fand, Wulffs Eingriff abzuwehren, brachte di Lorenzo nicht die Courage auf, Diekmanns Intervention zurückzuweisen. Er gab ihr nach.

Ich möchte gar nicht wissen, wie oft so etwas bei der Zeit – und anderen Zeitungen – passiert.
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1. taz – Steffen Grimberg: „Bild“-Chef verhinderte Berichterstattung – Als Diekmann noch wie Wulff war, 15.1.2012

 

 

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