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Nebenbei

  • Etwas wie ein Vogelschiss

    Die neue Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer (CDU) wurde am Mittwoch in einer Sondersitzung des Bundestages vereidigt. Zu diesem Zweck wurden die Abgeordneten aus dem Urlaub gerufen. Etliche, darunter die Fraktionschefs Lindner (FDP) und Weidel (AfD), beanstanden die Kosten der Aktion. Es soll sich um 100.000 Euro handeln. Keine Peanuts, aber doch so etwas wie ein Vogelschiss, diesmal ein echter. Wie teuer war eigentlich die Sondersitzung des Verkehrsausschusses, die ebenfalls am Mittwoch stattfand? Und wie teuer waren die Sitzungen der Ausschüsse für Auswärtiges und für Bildung, die am Dienstag tagten, auch er ein Ferientag? Wurde der Aufwand der Ausschüsse gegen den der Bundestagssondersitzung gegengerechnet? – Im Ernst: Wollen Lindner und Weidel sparen, sollten sie den Bundestag verkleinern. 709 Abgeordnete sind zu viele. Die Hinterbank des Parlaments wird von Wahl zu Wahl länger. Die Qualität im Parlament wächst nicht mit, siehe die Kritik an der Sondersitzung. Würde das Plenum nur um zehn Prozent schrumpfen, könnten nicht 100.000 Euro, sondern mehrere Millionen gespart werden, und das Jahr für Jahr. Lindner und Weidel sollten sich auch daranmachen, die Geldverbrennungsanlage Berliner Flughafen zu stoppen. Dort geht seit Langem Tag für Tag eine Million durch den Kamin. Ein Ende ist nicht in Sicht. Dort wird unter den Augen von Lindner, Weidel und 707 weiteren Bundestagsabgeordneten allein an einem Tag Geld im Wert von zehn Sondersitzungen verschwendet. Es sieht nicht so aus, als seien die Abgeordneten dabei, diesen Missstand zu beheben. – Ulrich Horn

S 21: Die Grünen stoßen an Grenzen

Dienstag, 29. November 2011

Politik

(uh) Es war gut, dass in Baden-Württemberg über das Projekt S 21 abgestimmt wurde. Das musste ja mal geklärt werden. Laufen die Planungen nicht schon seit einer Generation? Und die Proteste seit Monaten? Die Republik kann aufatmen. Wer hätte noch geglaubt, dass es die Baden-Württemberger fertig brächten, sich über sich selbst Gewissheit zu verschaffen.

Was sagt uns das Ergebnis der Volksabstimmung? Es bestätigt, was außerhalb Baden-Württembergs fast alle und in Baden-Württemberg die meisten längst wussten: Dass es in diesem Bundesland eine Mehrheit für das Projekt gibt. Die Gegner können nun nicht mehr so tun, als hätten sie die Mehrheit. Es gibt sie nicht, selbst in Stuttgart nicht. Und das, obwohl sie dort jede und jeden mobilisierten, die sich den Weg zur Wahlurne und zurück noch zutrauten.

Dass sich die Gegner nicht durchsetzten, ist aus Sicht jener Länder bedauerlich, die es der Bahn seit Jahren gestatten, sie zu vernachlässigen. Die Milliarden für S 21 wären in NRW besser angelegt. Doch das passiert nicht. Die NRW-Politik legt sich dafür nicht ins Zeug. Sie versucht lieber monatelang, einen offensichtlich verfassungswidrigen und politisch absurden Schuldenetat durchzusetzen, statt die miese Verkehrslage im Land zu verbessern.

Was bleibt am Ende vom Aufstand gegen das Projekt S 21 übrig?

Die Erkenntnis, dass lautstarker Protest nicht zwangsläufig gesellschaftliche Mehrheiten repräsentiert. Und dass in Stuttgart viele gelangweilte, gut situierte und rüstige Rentner leben, die sich während ihrer aktiven Zeit nicht um das Projekt kümmerten, die dann eine Aufgabe fanden und nun mit leeren Händen tief enttäuscht da stehen. Wer tröstet sie?

Es bleibt auch die ärgerliche Erfahrung, dass uns die Fernsehsender über viele Monate, oft sogar Tag für Tag und manchmal auch den ganzen Tag lang mit ihren Berichten von der Protestfront langweilten. Das Votum für S 21 ist auch ein Votum gegen die TV-Berichterstattung. Die Sender ließen sich von der Lautstärke des Protests täuschen. Sie gaben ihm mit ihrer dramatisierenden Berichterstattung viel zu große Bedeutung, die der Bewertung der Bevölkerung und der Fernsehzuschauer nicht entsprach.

Es mussten sich doch nur 150 Demonstranten vor dem Bahnhof versammeln, und schon landeten sie in den TV-Nachrichten. Und hielten sich dort über Stunden. Der sonderbare Schlichtungsversuch von Heiner Geißler wurde sogar in seiner ganzen Öde live übertragen. Vor 20 Jahren hätten es solche Proteste gerade mal in die TV-Regionalsendungen und die Lokalteile der Zeitungen geschafft. Genau dorthin gehört das Projekt S 21. Das belegt die Volksabstimmung ziemlich eindrucksvoll.

Bleiben wird wohl auch bei vielen die Erinnerung an den Beitrag, den die Grünen zu dem Protest beisteuerten. Sie profitierten von der Atomkatastrophe in Japan und schwollen kurzeitig so stark an, dass sie nun mit Winfried Kretschmann erstmals einen Ministerpräsidenten stellen, ausgerechnet in Stuttgart. Das geschah, weil bei der Wahl ihre Anti-Atomkraft-Politik der Stimmungsmehrheit in der Bevölkerung entsprach.

Bei S 21 liegt die Sache ganz anders. Die Grünen trugen dazu bei, den Widerstand medial aufzublasen, in der Hoffnung, erneut zu profitieren. Nun stellen sie fest: Die Hoffnung trügt. Fokushima verblasst. Und die Abstimmung zu S 21 erweist sich als Rohrkrepierer. Die Grünen haben die Mehrheit gegen sich. Hätte die Volksabstimmung am Anfang der Planungen gestanden, wären Baden-Württemberg und dem Rest der Republik viel Tamtam erspart geblieben. Es wäre sachlich diskutiert und dann abgestimmt und entschieden worden.

Nun aber wird der Wiederstand gegen Großprojekte für die Grünen teuer. Dass sie sich in Berlin gegen den Bau von ein paar Kilometern Autobahn quer legten, bezahlten sie dort schon mit dem Ausschluss von der Regierungsbeteiligung. Die Abstimmungsniederlage bei S 21 könnte für sie noch viel teurer werden.

Die Mehrheit der Bevölkerung in Baden-Württemberg hat die Politik der Grünen bei der Volksabstimmung ausgehebelt und die Hoffnung der Grünen zerstört, vom Protest gegen S 21 profitieren zu können. Sollte sich so etwas bei anderen Großprojekten wiederholen, könnte sich S 21 für die Grünen als Wendepunkt erweisen, hin zu ihrer Entzauberung.

Die Führungsspitze der Partei scheint diese Bedrohung verstanden zu haben. Claudia Roth reiste vom Parteitag in Kiel umgehend zu den Prostlern gegen die Castor-Transporte, um die grüne Niederlage in Baden-Württemberg mit frischen Bildern von der Anti-Atom-Front aus den Fernsehnachrichten zu verdrängen.

 

 

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