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Letzte Kommentare

Nebenbei

  • Tatkraft und ihr Gegenteil

    Der Amoklauf in München hat starke Reaktionen ausgelöst. Über Stunden herrschten Angst und Unsicherheit. Doch der Staat zeigte Flagge. In München und Bayern demonstrierten Polizei und Rettungskräfte mit aller Macht, dass sie die Lage in den Griff bekommen wollten. Der Bundesinnenminister trat, kaum in den USA gelandet, den Rückflug an. Bundeskanzlerin Merkel unterbrach ihren Urlaub. In Berlin trat das Sicherheitskabinett zusammen. In München tagte Bayerns Landeskabinett unter Ministerpräsident Seehofer. – Diese Reaktionen erinnern unwillkürlich an die Kölner Silvesternacht und an die Reaktionen auf die dortigen Verbrechen. Alles, was nach dem Münchener Amoklauf den Bürgern vermittelte, der Staat komme seinen Schutz- und Aufklärungspflichten nach, hat bei den Kölner Silvesterverbrechen gefehlt. Es gab keine Polizei und keine Rettungsdienste, die entschlossen mobilisiert wurden und in Erscheinung traten. Es gab keinen Innenminister, der auf die erste Meldung der Polizei reagierte. Es gab keine Sondersitzung des Landeskabinetts unter Ministerpräsidentin Kraft. Wohl aber gab es aus dem Polizeiapparat einen Anruf, der das Wort „Vergewaltigung“ aus der Polizeimeldung getilgt und die Verbrechen bagatellisiert sehen wollte. Während sich die Kanzlerin in Köln besorgt erkundigte, war die Ministerpräsidentin noch abgetaucht. – Die Reaktionen auf dem Münchener Amoklauf beleuchten erneut die Nachlässigkeit, mit der die politisch Verantwortlichen in NRW über Neujahr hantierten. – Derzeit wird Münchens Polizeisprecher da Gloria Martins für seine souveränen TV-Auftritte über den grünen Klee gelobt. Dabei hat der Mann doch nur seine Arbeit ordentlich verrichtet. Das aber genügt heutzutage schon, um als ganz und gar außergewöhnlich zu gelten. Wie weit haben wir es gebracht. – Ulrich Horn

Hoeneß, Blatter und Co.

Samstag, 27. Februar 2016

Nebenbei

Der Fußball pflegt seine Legenden. Lange inszenierte er sich als Prolosport, der es mit großer Geschäftstüchtigkeit nach und nach bis in die höchsten Kreise schaffte. Der Soziologe Oliver Fürtjes belehrt uns eines Besseren. Er fand heraus, dass der Fußball seit jeher ein „schichtenübergeifendes Massenphänomen“ ist. Seinen nivellierenden Charakter belegen auch die Skandale im DFB, in der UEFA und FIFA eindrucksvoll. Kriminelle Energie findet sich eben nicht nur in den Fanbanden, sondern auch in höchsten Funktionärszirkeln. Die Gesellschaft hat sich daran gewöhnt, dass es mit dem Niveau auf den Rängen und hinter den Kulissen nicht weit her ist und krumme Geschäfte zu dieser Sportart gehören wie der Ball. Seit Wochen fiebern die Medien dem Moment entgegen, wenn der Steuerbetrüger Ulrich Hoeneß, Ex-Präsident des FC Bayern, über dieses Wochenende aus der Haft entlassen wird. Dass beinahe zeitnah sein Feind Blatter an der FIFA-Spitze ersetzt wurde, weil dessen Machenschaften selbst seinen Kumpanen nicht mehr tragbar schienen, ist ein schöner Zufall. 2012 sagte Hoeneß Blatters raschen Sturz voraus. Dass er vor Blatter fiel und ins Gefängnis musste, während Blatter immer noch frei herumläuft, mag Hoeneß bis heute wurmen. – Ulrich Horn

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5 Kommentare zu “Hoeneß, Blatter und Co.”

  1. […] Debatte: Das Ende der Pfennigfuchser…Spiegel Debatte: Hoeneß, Blatter und Co….Post von Horn Ruhrgebiet: Liquid Identities – Diese Peep-Show ist Kunst…Bild Bochum: Flüchtlinge […]

  2. dr.pingel sagt:

    Ich frage mich ja immer, was so faszinierend am Fußball ist. Verglichen mit rasanten Sportarten wie Eishockey, Hallenhockey und Hallenhandball ist ein normales Fußballspiel doch wenig spannend; so wenig, dass sogar die Zusammenschnitte in der Sportschau meist nichts hergeben. Ein Teil der mangelnden Spannung liegt übrigens nicht im Unvermögen der Spieler, sondern, darin, dass die Athletik so gut geworden ist. Damit neutralisieren sich die Spieler ja gegenseitig. Fußball ist vielleicht so eine Art Ersatzreligion wie Geld, Shoppen, Autos…

    • Ulrich Horn sagt:

      Vielleicht fasziniert Fußball so viele Menschen, weil sie empfinden, dass sich in diesem Spiel das Leben spiegelt. So wie das Musikstück im Zusammenwirken von Ton und Pause entsteht und die Gemälde im Zusammenspiel von Licht und Schatten, sind die eher langweiligen Passagen des Fußballs das Warten und Wünschen – auf den einen Moment ausgerichtet, in dem das Spiel einer Mannschaft ihr Ziel erreichen könnte und manchmal dann eben auch erreicht – oder auch nicht … wie im Leben.

  3. Roland Appel sagt:

    Eine soziologische Analyse aus den sechziger Jahren meinte, Fußball sei so beliebt, weil das Spielfeld leicht zu übersehen, die Regeln (bis auf das Abseits) einfach zu verstehen – schlicht der Fußball etwas für anspruchslose Einfachdenker und ohne großen Aufwand in jedem Garagenhinterhof zu spielen sei. De facto brachte dieser Sport lange eine wichtige Abwechslung ins Leben der Bergleute von Schalke, Meiderich bis Kaiserslautern, der Kaufleute in Hambung, Köln oder Stuttgart – schichtenübergreifend. Bis nach der WM 1972 und in den achtiger Jahren der Kapitalismus begann, sich die ehemals demokratischen Vereinsstrukturen zu Unternehmen anzueignen und – finanziell befeuert von der Manipulationsmaschinerie des Privatfernsehens – zu einer privatisierten Milliardenmaschine zu machen. Gesteuert von den bis heute mit Mafia-ähnlichen Methoden agierenden Geheimgesellschaften FIFA und UEFA. Erst das große Geld hat die Kriminalität in den Fußball getragen. In Form von Korruption in den Schicki-Micki Exklusivlogen, in denen Fußball keine Rolle spielt, aber Geschäftsabschlüsse getätigt werden. Und in Gestalt der heutigen Prunk-Arenen, in denen es keine billigen Stehplätze für einfache Menschen mehr gibt, sondern die wenigen Stehplatzbereiche fanatisierten Fangruppen vorbehalten sind.

    • Martin Böttger sagt:

      1972 war keine WM, sondern die Olympischen Spiele in München und eine EM, die die BRD gewann, in Belgien.
      https://de.wikipedia.org/wiki/Fu%C3%9Fball-Europameisterschaft_1972
      Eine in der letzten Woche ausgestrahlte Arte-Dokumentation
      http://www.arte.tv/guide/de/061390-000-A/die-grosse-fifa-story
      beschrieb anschaulich, dass ein Aufstand der anderen FIFA-Kontinente gegen das konservative Europa zur Wahl des Brasilianers Havelange gegen den Briten Rous führte. Havelange, in dessen Schatten Blatter bereits heranreifte, verkaufte dann die WMs an die TV-Anstalten und begann die FIFA reich zu machen, ohne Rücksicht auf das Internationale Olympische Komitee (IOC), das lieber alleine reich geworden wäre. Heute wissen wir: Es hat für beide gereicht, milliardenschwer und kriminell zu werden.
      Immer dabei: der damals noch urdeutsche Konzern aus Herzogenaurach Adidas.
      Havelanges Nachfahren in Brasilien, politisch und verwandschaftlich, sind jetzt überwiegend mit Haftbefehl gesucht und im Exil.

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