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Nebenbei

  • Die sich treu bleiben

    Reden wir über politisches Niveau: Dass in der Berliner Landespolitik nicht die hellsten Köpfe am Werk sind, weiß jedes Kind. Über diesen Sachverhalt wird in Deutschland so laut geredet, dass ihn sogar der Berliner Senat wahrnehmen müsste. Er tut es aber nicht. Er erspart es sich so, aus Fehlern zu lernen. Er baute einen Flughafen, weniger um möglichst schnell Flugverkehr abzuwickeln, als den am Bau beteiligten Unternehmen über lange Zeit Einkünfte aus Steuermitteln zu verschaffen. Er wollte die Lage der Mieter verbessern. Doch verschlimmerte er die Lage nur und handelte sich eine Verfassungsklage ein. Innensenator Geisel verbot wie Weißrusslands Diktator Lukaschenko jüngst eine Demonstration. Ihm passte die rechtsextreme Orientierung vieler Demonstranten nicht. Ausgerechnet sie bemühten die Justiz, um Geisel zu zwingen, die Verfassung einzuhalten – mit Erfolg: Die Demo durfte stattfinden. Damit nicht genug: Berlin wäre kaum eine Reise wert, säße dort nicht der Bundestag. Doch der Senat schafft es nicht, den Sitz des Parlaments vor Verfassungsgegnern zu schützen. Am Wochenende wäre ihnen der Reichstag beinahe in die Hände gefallen. Seine Treppe hatten sie schon erobert. Geisel, ein Sozialdemokrat, hatte nicht genügend Polizisten aufgeboten, um den Reichstag zu sichern. Die SPD, die sich noch gut an das Versagen ihrer NRW-Ministerpräsidentin Kraft in der Kölner Silvesternacht erinnert, hat nun viel zu tun, vom Versagen des SPD-geführten Senats und ihres Innensenators abzulenken. Bundespräsident Steinmeier (SPD) lobte den Einsatz der Polizei. SPD-Kanzlerkandidat Scholz kritisierte, dass Verfassungsgegner den Parlamentssitz als Kulisse missbrauchten. Dass sein Parteifreund Geisel den Rechtsradikalen in die Karten spielte, erwähnte Scholz nicht. – Berlins Landesregierung wurde wieder einmal ihrem Ruf gerecht. Das Beste, was man über den Senat sagen kann, ist, dass er sich treu bleibt: Er arbeitet unablässig daran, seinen schlechten Ruf zu verschlechtern. – Ulrich Horn

Nur noch Röcheln zu hören

Freitag, 5. April 2013

Politik

(uh) Ein politischer Beobachter fragt sich verwundert, warum Gerhard Schröder an der Europa-Politik seiner Nachfolgerin Angela Merkel kaum etwas auszusetzen hat. Und warum die SPD Merkels Europa-Politik nicht massiv kritisiert. Ich frage mich, wie man sich darüber wundern kann.

Die wirtschaftliche Kluft vertieft

Einige Ursachen für die Krise nahmen ihren Ausgang unter Schröders Kanzlerschaft zu Zeiten der rot-grünen Koalition. Die Ereignisse sind gerade mal ein paar Jahre her. Schröder verletzte die Defizit-Grenze. Er machte die Verschuldung in der Euro-Zone salonfähig. Er öffnete sie für Griechenland, obwohl die Wirtschaft des Landes zu schwach war, seine staatliche Organisation desolat und seine Gesellschaft in Teilen korrupt.

Schröder trug auch dazu bei, die wirtschaftliche Kluft zwischen Deutschland und den meisten anderen Euro-Staaten zu vertiefen. Mit seiner Agenda-Politik verstärkte er Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit. Die Zeche zahlten die Arbeitnehmer, unter anderem mit Lohnverzicht.

Andere Euro-Länder waren nicht bereit, Deutschland zu folgen. Ohne ausreichendes Wirtschaftswachstum finanzierten sie ihr Wohlstandsniveau unverdrossen weiter über Schulden. Diese Politik stieß an Grenzen, als die Geldgeber die Bonität dieser Staaten bezweifelten und sich die zunehmenden Risiken mit höheren Zinsen vergüten ließen.

Verantwortung verschleiern

Einige Staaten gerieten an den Rand des Bankrotts. Die selbst verschuldeten Ursachen spielen in der Diskussion kaum eine Rolle. Dagegen rücken die Schäden in den Vordergrund, die von den Sanierungsauflagen angerichtet werden. Seither vermischen sich in der europäischen Politik die Suche nach Lösungen für die Euro-Probleme und die Suche nach demjenigen, dem man den Schwarzen Peter zuspielen kann.

Unabhängig davon, wo er landet: Letztlich sind es die Geldgeber, die den Druck auf die Schuldner ausüben und sie zwingen, die Agenda-Politik nachzuholen. Merkel forciert diese Politik, weil sie meint, die Hilfen für Schuldenstaaten könnten nur wirken, wenn deren Verhältnisse halbwegs im Einklang mit ihrer Leistungskraft stehen. Schröder, SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück und der rechte SPD-Flügel teilen diese Einschätzung.

Die Agenda-Politik kostete Schröder das Kanzleramt, die SPD die Regierungsmacht und einen Teil ihrer Mitglieder. Die Politiker in den Schuldenstaaten versuchen, ihre Verantwortung am Zustand ihrer Staaten zu verschleiern, um jenen Konsequenzen zu entrinnen, die Schröder und der SPD widerfuhren.

Kein verlockendes Projekt

Sie schlagen nationalistische Töne an und machen Deutschland und die EU für den Wohlstandsverlust verantwortlich. Sie stoßen auf beträchtliche Resonanz. Als langjähriger Regierungschef ist Berlusconi für viele Missstände und Versäumnisse Italiens verantwortlich. Dennoch wurde er dort kürzlich von fast einem Drittel der Wähler unterstützt.

Die nationalen Töne sind das Röcheln einer gescheiterten Politiker-Kaste. Sie hat nicht nur die Krise befördert, sondern auch die Verhältnisse geschaffen, die dem Druck der Krise nicht standhielten. Diese Politiker-Generation hat die Globalisierung verschlafen und Europa keine Impulse gegeben. Weit und breit ist niemand zu sehen, der die EU als verlockendes Projekt präsentiert, das allen Völkern Vorteil und Gewinn verspricht.

Die Geldgeber entscheiden

Der Rückfall ins Nationale schafft den EU-Staaten keine Perspektive. Ihre Volkswirtschaften sind marginalisiert. Sie verlieren die Fähigkeit, Wachstum zu entwickeln. Länder wie Portugal und Griechenland nähern sich dem Status von Entwicklungsländern. Frankreich und Italien sind kaum noch wettbewerbsfähig. Auch dort erwecken Politiker den Eindruck, nicht mehr gestaltungsfähig zu sein.

Den Politikern der Euro-Staaten fehlen Kraft, Wille und Ideen, die Länder Europas gemeinsam voranzubringen. Auch die Intellektuellen liefern keine Impulse. Europa büßt seinen Wohlstand ein. Und so werden am Ende wohl nicht Politiker über die Zukunft der Staaten entscheiden, sondern die Geldgeber. Sie bestimmen, wem sie zu welchen Bedingungen Geld leihen. Sie werden zunehmend wählerisch.

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2 Kommentare zu “Nur noch Röcheln zu hören”

  1. Martin Böttger sagt:

    Mit Außenpolitik gewinnt man keine Wahlen. Dennoch wird sich unser deutscher Mangel an Empathiebereitschaft und -fähigkeit historisch noch böse rächen. Man möchte schon hoffen, es nicht mehr selbst zu erleben.
    So wie viele erst viel später Adenauer geehrt haben, so wird es noch so weit kommen, dass wir im Lichte der Gegenwart Helmut Kohl wertschätzen lernen. Das hätte ich selbst vor kurzem noch nicht für möglich gehalten.

  2. Jens sagt:

    „Diese Politik stieß an Grenzen, als die Geldgeber die Bonität dieser Staaten bezweifelten und sich die zunehmenden Risiken mit höheren Zinsen vergüten ließen.“

    Diese Politik stieß an die Grenzen, als die Staaten ihre Banken mit Unsummen retten mussten. Das hat die Verschuldung in der EU massiv in die Höhe getrieben und war der unmittelbare Auslöser der gegenwärtigen Krise.

    Die Bankenkrise wurde so zu einer Staatsschuldenkrise umdeklariert und plötzlich wird überall über die reformunwilligen Südländer geschimpft, die ihre selbst verschuldeten Ursachen nicht beseitigen wollen. (So wie hier.)

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