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Nebenbei

  • Untätig – bei vollen Bezügen

    Die Parteien und ihre Bundestagsabgeordneten tun sich schwer, ihren Daseinszweck zu erfüllen. Sie schaffen es bisher nicht, den Auftrag der Bundeswahl 2017 zu erledigen. Knapp vier Monate nach der Wahl hat Deutschland noch keine Regierung. Sie steht bestenfalls zu Ostern. Bis dahin wird ein Achtel der Legislaturperiode verstrichen sein, aus Sicht der Bürger völlig nutzlos. Bis Ostern werden die 709 Abgeordneten sechs Monate lang Diäten bezogen haben, obwohl sie weitgehend untätig waren. Die 233 Abgeordneten von SPD und FDP haben sogar auf diesen Zustand hingearbeitet, der einem bezahlten Urlaub gleicht. Können Parteimitglieder ernsthaft glauben, die Mehrheit der übrigen Bürger fände dieses Verhalten akzeptabel? Welcher berufstätige Wähler lebt schon in Verhältnissen, in denen sie volle Bezüge ohne entsprechende Gegenleistung empfangen? Diese Frage sollten sich auch die Bundestagsparteien stellen. Sie werden weitgehend aus öffentlichen Mitteln finanziert. Sie bekommen das Geld selbst für die Zeitspanne, in der sie sich weigern, eine Regierung zu bilden und ihre Arbeit zu tun. Müssen sich die Bürger, die den Politikbetrieb mit vielen Millionen Euro unterhalten, von den Abgeordneten und ihren Parteien nicht geprellt fühlen? – Der neue Bundestag sollte sie gesetzlich verpflichten, Regierungen schnell zu bilden. Für die Zeit zwischen der Wahl und der Vereidigung der Regierung sollten die Diäten der Abgeordneten halbiert und ihre Privilegien, die ebenfalls Millionen kosten, gestrichen werden. Die Finanzierung der Parteien sollte um den Betrag gekürzt werden, der ihnen für diesen Zeitraum zustünde, aktuell also um ein Achtel. – Zwei Bemerkungen zum Schluss: Erstens: Wetten, dass eine solche Regelung die Regierungsbildung beschleunigen würde? Zweitens: Wetten, dass eine solche Regelung nie zustande kommen wird? – Ulrich Horn

Kraft startet in die zweite Amtszeit

Kleine Reparaturen, große Rhetorik

Freitag, 14. September 2012

Politik

(uh) Die Regierungserklärung, mit der Ministerpräsidentin Kraft in ihre neue Amtszeit startete, ist in den Medien auf Skepsis gestoßen. Selbst Beobachter, die Kraft gewogen sind, zeigen sich reserviert. Mehr oder minder deutlich klingen Zweifel an, ob sie mit ihren Rezepten das Motto der neuen Amtszeit: „NRW – stark für die Zukunft“ bis 2017 verwirklichen kann.

Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Ein Grund für die Vorbehalte ist der Umstand, dass sie ihr Projekt der präventiven Politik, das sie mit dem Slogan „Wir lassen kein Kind zurück“ umschreibt, nur schwer plausibel machen kann. Im politischen Alltag wird die Parole für Kraft sogar zum Handicap.

Zu oft widersprechen die Defizite, unter denen NRW leidet, den guten Absichten. Bei der Bereuung der unter Dreijährigen ist das Land Schlusslicht, bei der Verschuldung, die der jungen Generation auf den Schultern liegt, dagegen Spitze. Die unübersehbare Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit machen Kraft und die Koalition angreifbar.

Dabei wollten sie mit dem Begriff der präventiven Politik das Markenzeichen eines neuen Politikansatzes erschaffen. Er suggeriert, zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen zu können: Er soll zunehmende Probleme verringern und auf längere Sicht einen Teil der Kosten sparen, die sie verursachen.

Traditionelle Hilfsprogramme

Bisher können Kraft und die Koalition nicht nachweisen, dass dieses Konzept politiktauglich ist. Die Vorhaben, die sie unter dem Label Prävention präsentieren, entpuppen sich bisher als Teil traditioneller Hilfsprogramme oder als Maßnahmen zur Reparatur von Versäumnissen.

Präventive Politik hätte vor zwanzig Jahren erkannt, dass die Zahl der Kinder aus geschiedenen Ehen und Einwanderer-Familien stark zunehmen würde. Und dass diese Kinder oft nicht genug gefördert würden. Präventive Politik würde beim ersten Anzeichen solcher Entwicklung Vorkehrungen treffen. Das unterblieb und muss heute repariert werden. Vorbeugung ist das nicht.

Armut wächst vor allem, seit die SPD mit der Agenda-Politik die Türen für Billiglöhne öffnete und die Renten kürzte. Die Regierung Schröder wurde – auch aus den eigenen Reihen – auf die Folgen hingewiesen. Vergeblich. Sie unterließ es, Billiglöhne einzuschränken und den Mindestlohn einzuführen. Maßnahmen, die Armut zu lindern, dienen heute der verspäteten Reparatur. Prävention hätte vor Jahren Bestandteil der Agenda 2010 sein müssen.

In der Verkehrspolitik sind die Versäumnisse so groß, dass die Reparaturen kaum bezahlbar sind. Investitionen in diesen Bereich kann man als Prävention nicht ausgeben. Die vielen Menschen, die von politischen Versäumnissen betroffen sind, wissen, dass nicht vorgesorgt, sondern repariert wird. Dass Reparaturen auch vorsorgen, ist nicht neu. Sie verhindern, dass große Probleme noch größer werden. Dazu tragen seit jeher die vielen Hilfsprogramme bei, die kontinuierlich aufgestockt und erweitert werden.

Enger politische Spielraum

Mit der Parole von der präventiven Politik bemüht sich Kraft, Versäumnisse ihrer Partei vergessen zu machen und alte Enttäuschungen durch neue Erwartungen zu ersetzen. Und auch davon abzulenken, dass ihr politischer Spielraum sehr eng ist und sich kaum ausweiten lässt.

Sie kann die Defizite in NRW nicht aufwändig bekämpfen. Dazu müsste sie mehr Schulden machen. Das verbieten ihr die Schuldenbremse und der öffentliche Druck. Sie könnte auch spürbar Ausgaben kürzen, um Geld freizuschaufeln. Doch das verbieten ihr die Wahlen 2013 (Bund), 2014 (Kummunen) und 2017 (Land) und die Angst vor der Reaktion der Wähler. Um sich zu entlasten, fordert sie ständig Geld vom Bund. Es kann nur ausreichend fließen, wenn die SPD in Berlin mitregiert.

Widerhall in den eigen Reihen

Und so sind Kraft und ihre Minister derzeit gezwungen, sich mit kleinen Reparaturen und großer Rhetorik zu behelfen. Es kommt ihnen zustatten, dass die Parole von der präventiven Politik in den eigenen Reihen Widerhall findet, weil sie die Opposition in NRW  zu Debatten provoziert und den SPD-Mandatsträgern Stoff bietet, der Opposition Paroli zu geben. Zudem überdeckt die Parole den Umstand, dass wegen der hohen Schulden nachhaltige Reparaturkonzepte unbezahlbar sind.

Kraft könnte mit ihrer Parole von der präventiven Politik bei den anstehenden Wahlen sogar punkten, wenn die Opposition so schwach bleibt und die Wähler nicht so genau hinschauen. Die Parole klingt so schön fürsorglich. Und passt wunderbar zu Krafts Image als Landesmutter.

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