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Nebenbei

  • Steinmeier und Yücel

    In der Türkei sitzen viele Dutzend Journalisten im Gefängnis. Unter ihnen befindet sich auch Deniz Yücel, Er ist türkischer und deutscher Staatsbürger. Bundespräsident Steinmeier hat seine erste Rede für einen Appell an den türkischen Präsidenten Erdogan genutzt. „Geben Sie Deniz Yücel frei!“ Eine selbstverständliche und dennoch bemerkenswerte Forderung. Die meisten Bundespräsidenten hielten sich aus der Tagespolitik heraus. Dass Steinmeier anders verfährt, hat ihn viel Lob eingebracht. Es hieß, er sei ein Präsident mit Biss, ein Mann, der klare Kante zeigt. Wem nutzt dieser Auftritt? Zunächst ihm selbst. Die positive Resonanz ermuntert ihn, dem eingeschlagenen Weg zu folgen. Risikolos ist er nicht. Er kann ihn über die Grenze hinausführen, von der an er zum Richter über die Politik der Regierung wird. Genützt hat Steinmeiers Auftritt auch jenen Bürgern, denen er aus dem Herzen sprach. Sie können sich verstanden fühlen. Nützt Steinmeiers Auftritt aber auch Yücel? Erdogan wird wohl den Teufel tun und ihn freilassen. Mit Steinmeiers Appell ist der Fall zur Prestigefrage geworden. Gäbe Erdogan nach, würde er in den Augen seiner Anhänger Schwäche zeigen. Er hätte sich deutschem Druck gebeugt und eingestanden, dass Yücel unrechtmäßig festgehalten wurde. Erdogan verlöre sein Gesicht. Je heftiger er öffentlich bedrängt wird, desto länger wird er Yücel festhalten. Der Journalist wird vermutlich erst freikommen, wenn gewährleistet ist, dass Erdogan sein Gesicht behält. Für Yücel aussichtsreicher wäre es wohl, statt mit öffentlichen Appellen auf diplomatischem Wege Druck auszuüben. Erdogan wird das Gefängnistor erst öffnen, wenn es für ihn teurer wird, Yücel gefangen zu halten als ihn freizulassen. – Ulrich Horn

Was macht der Puls des Ruhrgebiets?

Montag, 5. März 2012

Politik

(uh) Lebenslügen schützen – vor der unangenehmen Wirklichkeit. Und vor der Mühe, auf sie zu reagieren. Lebenslügen haben auch Nachteile. Sie führen entweder auf Irrwege oder zur Stagnation. Das zeigt sich im Ruhrgebiet. Dort ist der Selbstbetrug dabei, sich zum politisch geförderten landsmannschaftlichen Charakterzug zu entwickeln.

Diese Diagnose wird durch das fast komisch anmutende Bemühen bestätigt, Begriffe zu finden, mit deren Hilfe die Region ihre schwindende Bedeutung kaschiert kann: Energie-Zentrum, Kulturhauptstadt Europas, InnovationCity, Grüne Hauptstadt Europas, Technologie-Zentrum, Logistik-Zentrum, Hochschul-Zentrum, industrielles Herz Deutschlands.

Hinter diesen Reizwörtern stecken mehr Wünsche und Träume als Ansätze für neue Entwicklungen. Das industrielle Herz Deutschlands ist das Ruhrgebiet schon lange nicht mehr. Es reicht nicht einmal für die Dominanz in NRW. Längst sind NRW-Regionen außerhalb des Ruhrgebiets stärker industrialisiert als der einstige Kohlenpott.

Weder das Land noch die Städte haben ein Konzept für die Region. Je weiter die Osteoporose der Region voranschreitet, desto aufwendiger fallen die Überhöhungsversuche aus. Sie gipfeln in der pompösen Selbstdarstellung als „Metropole Ruhr“.

Es ist daher beachtenswert, dass der Raumplaner Klaus Kunzmann, der den Ehrentitel „Bürger des Ruhrgebiets“ trägt, sich diesem Trend entgegen stellt. Er tat kürzlich, was schon vor Jahren notwendig gewesen wäre. Er zerstörte eine der Lebenslügen des Ruhrgebiets.

Er sprach der Region kurzerhand die Qualität einer Metropole ab. „Wir sollten nicht vorgeben, eine Metropole zu sein. Das ist einfach nicht glaubwürdig. Das Ruhrgebiet ist keine Metropole und wird es auch nie werden.“ In den Regionen Köln, Hamburg, München, Frankfurt und Berlin werden sie zustimmend genickt haben.

Kunzmann hat Recht. Das Ruhrgebiet sollte auf ihn hören. Es ist nur eine Ansammlung von Kleinstädten. In Berlin wären die meisten nicht einmal Stadtbezirke. Unter den 53 Kommunen des Regionalverbandes Ruhr sind mit Dortmund und Essen nur zwei, die mehr als 500 000 Einwohner haben und als mittlere Großstädte durchgehen. Die meisten anderen Städte erreichen nicht einmal 100 000 Einwohner, viele sogar nicht einmal 50 000.

All diese Kommunen haben ihre gemeinsame Grundlage, die Montanindustrie, die sie erst zu Städten machte, seit langem eingebüßt. Gleichwertigen Ersatz konnten sie bisher nicht finden. Heute sind es nur noch ihre Probleme, die sie miteinander verbinden. Deren Liste ist lang. Ein Katalog des Elends.

Fast alle altern und schrumpfen. Tendenz: weiter stark bergab. In 20 Jahren werden die vielen Kleinstädte noch viel kleiner sein. Als Wirtschaftsstandorte sind sie und kleinen Großstädte nicht mehr konkurrenzfähig. In den Rankings belegen die Kommunen des Ruhrgebiets die hinteren Plätze. Ihre soziale Lage ähnelt ihrem Straßenbild. Fahrbahnen und Fassaden bröseln. Sie haben überdurchschnittlich viele Arme, Arbeitslose und andere Transfer-Empfänger.

Der Bildungsstand der jungen Leute und die Integration der Zugewanderten sind unzureichend. Ein großer Teil der aktiven Einwohner neigt dazu, der Region den Rücken zu kehren. Fast alle Städte sind pleite. Viele fürchten, demnächst wie Griechenland keine Kredite mehr zu bekommen. Diese Städte sind längst nicht mehr in der Lage, ihre Verwaltungen und ihre Infrastruktur auf neue Bedürfnisse auszurichten und zu finanzieren.

Eines der größten, aber kaum diskutierten Probleme der Region ist die Politik. Sie fragmentiert die Region in 53 kommunale Biotope, die darauf bedacht sind, sich zu erhalten, koste es was es wolle.  Sie zeichnen sich durch einen auffälligen Mangel an politischer Kreativität aus.

Statt Dynamik entfalten sie Beharrungskraft. Sie gehen lieber zugrunde, als dass sie daran gingen, sich umzugestalten und ihren Möglichkeiten anzupassen. Man kann es nicht fassen: Seit 50 Jahren leidet die Region unter dem Strukturwandel – und muss Wettbewerbe veranstalten, um Kooperationen anzureizen. Das weckt den Verdacht: Die Region will gar keine sein.

Metropolen erfüllen ihren Daseinszweck: Sie pulsieren. Und was macht der Puls des Ruhrgebiets? Ploppt er wenigstens noch?

 

 

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2 Kommentare zu “Was macht der Puls des Ruhrgebiets?”

  1. Arnold Voß sagt:

    Das haben lange vor Klaus Kunzmann auch innerhalb der Region schon sehr viele immer wieder gesagt.Genutzt hat es bislang nicht viel.

  2. […] Ruhrgebiet: Lebenslügen schützen – vor der unangenehmen Wirklichkeit. Und vor der Mühe, auf sie zu reagieren. Lebenslügen haben auch Nachteile. Sie führen entweder auf Irrwege oder zur Stagnation. Das zeigt sich im Ruhrgebiet … postvonhorn […]

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