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Nebenbei

  • Wem die „Straße“ nutzt

    Schauen wir drei, vier Monate zurück. Was stellen wir fest? Damals vollzogen sich Metamorphosen. Rechtzeitig zur Wahl in den Niederlanden Mitte März verwandelten sich Journalisten in Auguren. Voller Inbrunst sagten sie Europas Ende voraus. sahen so abenteuerliche Gestalten wie Wilders, Le Pen, Höcke und Gauland die Macht übernehmen und die EU zerstören. Doch die Niederländer spielten nicht mit. Sie ließen sich nicht verrückt machen. Sie erteilten den Rechtsradikalen eine Abfuhr. Die Auguren in den Medien beruhigten sich nicht. Sie schauten auf die Präsidentschaftswahl in Frankreich und malten erneut den Teufel an die Wand. Wieder vergeblich. Die Franzosen kehrten Le Pen den Rücken, hissten die Europa-Flagge und folgten Macron. Auch dieses Wahlresultat beruhigte die Journalisten nicht. Nun sorgten sie sich, die französischen Wähler könnten bei der Wahl zur Nationalversammlung Europa in den Untergang treiben. Die Wähler taten das Gegenteil. Sie verschafften Macron die absolute Mehrheit, ließen den Front National verkümmern und mit ihm den Rest des vertrockneten politischen Establishments. Und nun? Nun raunen die Auguren, die Wahlbeteiligung sei extrem niedrig gewesen. Macron und seine absolute Parlamentsmehrheit könnten mit ihren Reformen am Widerstand der „Straße“ scheitern. Die „Straße“, wer ist das? Es ist vor allem der Gewerkschaftsbund CGT, der den Kommunisten nahesteht. Er ist für die Probleme mitverantwortlich, die Frankreich paralysieren und die Macron mit den vielen Anhängern seiner Partei La République en Marche! beheben will. Warum so viele Franzosen dennoch nicht wählen gingen? Vielleicht sammeln sie Kraft, um demnächst gegen die CGT und für Macrons Reformen auf die Straße zu gehen. Wen würde das wundern? Mich nicht. – Ulrich Horn

Kein Land für Koalitionsradau

Mittwoch, 6. Juni 2012

Politik

(uh) Die Koalitionsverhandlungen zwischen SPD und Grünen in NRW verlaufen bisher ungewöhnlich ruhig. Zwar vertreten beide Seiten zu vielen Fragen unterschiedliche Positionen. Aber bislang prallen die Gegensätze nicht dröhnend aufeinander, wie dies bei früheren Verhandlungen oft der Fall war.

Aus den heutigen Gesprächen wird nur wenig bekannt. Über Verlauf und Klima, über taktische Winkelzüge, die Zuspitzung und Auflösung von Konflikten schweigen beide Seiten. Es fehlt die Dramatik, die Inszenierung der Kontroversen, auch die Lust am Krawall, die früheren Verhandlungen bundesweite Resonanz verschafften. Rot-grüne Koalitionsgespräche sind in NRW fast schon zur Gewohnheit geworden. Sie wirken heute beinahe langweilig.

Als beide Parteien 1995 in NRW zu ersten Mal aufeinander trafen, sprühten die Funken. Damals kollidierten unterschiedliche Kulturen: die kleinbürgerliche SPD, die zu erstarren drohte, Resonanz in der Arbeiterschaft verlor und nach fast 30jähriger Regierungszeit Einfluss einbüßte. Und die Grünen, deren Exponenten teilweise sozialdemokratischem Milieu entstammten, sich in Abgrenzung zu SPD entwickelten und ihren Individualismus und ihre alternative Strömungsvielfalt auslebten.

Ihren Gegensatz trugen SPD und Grüne vor allem in der Energiepolitik aus. Als IGBE-Chef Berger damals feststellte, dass SPD-Verhandlungsführer Clement den Grünen weit entgegenkommen wollte, intervenierte er massiv. Unter Bergers Druck wandelte sich Clement in Stunden von Saulus zum Paulus. Seither kämpfte er verbissen für die Braunkohle, so wie die Grünen gegen sie. Obwohl sich beide Seiten feindselig begegneten, kam es zu Rot-Grün. Die Grünen hatten keine Alternative, die SPD wollte keine. Eine große Koalition kam für sie nicht in Frage.

Auch bei den rot-grünen Verhandlungen 2000 spielte die Energiepolitik eine große Rolle. Ministerpräsident Clement versuchte, die FDP als Alternative zu den Grünen ins Spiel zu bringen, stieß damit aber in der SPD auf Ablehnung. Er verlagerte die Landesplanung vom grünen Umweltministerium in die Staatskanzlei, ein Kraftakt, der großen Wirbel auslöste. Heute soll das grüne Umweltministerium Kompetenzen an ein neues Wirtschafts- und Energieministerium abgeben. Eine Koalitionskrise wird darüber wohl nicht ausbrechen.

Die SPD hatte bei der Wahl 2000 weiter an Zustimmung verloren. Clement überspielte das, indem er es darauf anlegte, die Grünen bei den Verhandlungen zu demütigen. Nach jeder Verhandlungsrunde inszenierte er Presseauftritte, die den Eindruck erweckten, als sei der Untergang des Landes nur durch eine Koalition mit der FDP zu verhindern. Auch so etwas findet heute nicht mehr statt.

Drei Jahre später wechselte Clement nach Berlin. Sein Nachfolger Steinbrück versuchte noch einmal, die Grünen öffentlich unter Druck zu setzen, mit verheerendem Ausgang. Alles, was er den Grünen aufzwingen und abringen wollte, musste er zurücknehmen, unter anderem auch den Metrorapid. Die Grünen setzten sich auf der ganzen Linie durch. Ein paar Monate später wurde Rot-Grün abgewählt.

Die Koalitionsverhandlungen 2010 liefen geräuschlos ab. Es reichte damals nur zu einer rot-grünen Minderheitsregierung. Harmonie war das Gebot der Stunde. Sie fand ihren Ausdruck im freundschaftlichen Umgang zwischen Kraft und Löhrmann. SPD und Grüne verzichteten darauf, ihre Gegensätze herauszustreichen. Die Einigkeit von Rot-Grün war die Grundlage dafür, dass die Minderheitsregierung einige ihrer Vorhaben durchsetzen konnte. Der Freundschaftskurs, der die Gegensätze zudeckte, ging manchem auf beiden Seiten allerdings schon nach wenigen Monaten viel zu weit.

Nach der Neuwahl 2012 mit ihrer klaren rot-grünen Mehrheit rückten die rot-grünen Differenzen wieder in den Vordergrund. Entfalten können sie sich jedoch nicht. Beide Parteien wurden auch wegen der Zusage gewählt, die Koalition fortzusetzen. Daher können die Gespräche nicht in jener Härte geführt werden, die das Scheitern in Kauf nähme. Es ist nicht nur wegen der Zusagen im Wahlkampf ausgeschlossen. Auch der Bundestagswahlkampf 2013, der mit dem Ziel einer rot-grünen Koalition geführt werden soll, verbietet es, die Verhandlungen scheitern zu lassen.

Der rechte Flügel der NRW-SPD, dem unterstellt wird, er wünsche 2013 im Bund lieber eine große Koalition als Rot-Grün, weist gelegentlich darauf hin, dass die Landespartei im Landtag auch Mehrheiten mit CDU und FDP bilden könne. Doch diese Drohung nehmen die NRW-Grünen nicht ernst: Die SPD weiß, dass sie bei einer großen Koalition in Berlin eine weitere Schwächung riskiert. Die Grünen kalkulieren mit dieser Befürchtung der SPD.

Mag sein, dass es zum Ende der NRW-Verhandlungen zwischen Rot und Grün noch einmal etwas lauter wird. Damit werden beide Seiten ihrer Klientel signalisieren, dass sie hart verhandeln. Dabei ist allen Beteiligten klar, dass sie mit den Gesprächen nach nur zweijähriger Amtszeit keinen Neuanfang markieren, sondern die 2010 getroffenen Vereinbarungen nur auffrischen und fortschreiben können. Auch diese Einsicht verbietet den üblichen Verhandlungsradau.

 

 

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3 Kommentare zu “Kein Land für Koalitionsradau”

  1. Anton sagt:

    Laut wird es in den Koalitionsverhandlungen sicherlich, sobald die (SPD-) Forderung nach einem Energieministerium laut wird. Denn dann geht es wieder gegen den grünen Ressortchef Remnmel, der sich die Zuständigkeit für Energie heute mit dem Wirtschaftsministerium teilt. Ganz so sang- und klanglos kann und wird diese Koalitionsverabredung nicht geschlossen.

  2. Roland Mitschke sagt:

    Rot-Grün steht unter Einigungszwang. Dahinter stehen Inhalte – s. Wahlkampf „SPD ist Curry-Wurst“ zurück. Wirtschafts- u. Industriepolitik findet nur statt soweit die Gruenen mit Remmel dies zulassen – von der Verkehrsinfrastruktur gar nicht zu reden. Krafts Politik der „Vorsorge“ scheitert am Haushaltsrecht. Fuer die Kommunen ist es zu wenig, in ihrer Not nur auf Berlin verwiesen zu werden. Bundesweit sieht die Haushaltssituation der Städte und Gemeinden anders aus als in NRW. Kraft und Loehrmann müssen jetzt „liefern“, landesmuetterliches Lächeln hilft im Wahlkampf, löst aber keine Probleme. Aber man kann ja ausweichen: Wahlalter absenken.

  3. […] SPD, Grüne und NRW: kein Land für Koalitionsradau, meint Ulrich Horn in seiner … postvonhorn […]

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