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Nebenbei

  • Auf Merz ist Verlass

    Eines muss man Friedrich Merz lassen: Auf ihn ist Verlass. Sobald es darauf ankommt, übermannen ihn Aussetzer. 2002 verlor er den Fraktionsvorsitz. Er kam nicht auf die Idee, sich die Hilfe von CSU-Chef Stoiber zu sichern. Wohl aber Merkel. Sie gab Stoiber für den Fraktionsvorsitz die Kanzlerkandidatur. Merz schaute in die Röhre. Als er 2018 gegen Kramp-Karrenbauer um den CDU-Vorsitz kandidierte, vergaß er, Teile der Jungen Union an sich binden. Seine Kandidatenrede fanden selbst seine Fans miserabel. Die Konkurrentin gewann. Wieder schaute er in die Röhre. Derzeit kämpft er erneut um den CDU-Vorsitz, diesmal gegen Laschet und Röttgen. Was passiert? Er patzt. Er rückt Schwule in die Nähe von Pädophilen. Prompt steht er mitten im Shitstorm und als Mann von vorgestern da. Er hat gute Aussichten, bei der Wahl wieder in die Röhre zu schauen. Selbst seine Fans sollten inzwischen wissen: Merz tut nichts, wenn er handeln müsste. Er versagt, wenn er die richtigen Worte sprechen müsste. Er plappert drauf los, wenn er den Mund halten sollte. Man fragt sich: Wie kommen Leute in der CDU nur auf die Idee, ein Mann wie er, der noch nie ein Regierungsamt innehatte und im entscheidenden Moment zu versagen pflegt, könnte die Union hinter sich vereinen, Deutschland führen, Europa zusammenhalten, beide durch Krisen führen und sie zwischen China, Russland und den USA über Wasser halten? – Ulrich Horn

Der Gernegroß

Donnerstag, 25. August 2011

Medien

(uh) Philipp Lahm ist 27 Jahre alt. In diesem Alter ist man erwachsen, aber noch nicht reif. Das muss man ihm nicht vorwerfen, zumal er den größten Teil seines Lebens hinter einem Ball hergelaufen ist. Dennoch erweckte er zeitweise den Eindruck, als hätte er nicht nur seine Beine trainiert, sondern auch noch etwas Grips im Kopf. Doch inzwischen gibt es Gründe, daran zu zweifeln.

Aus dem Nähkästchen

Statt sich darauf zu konzentrieren, was er kann, ging er unter die Buchautoren. Es drängt ihn, aus dem Nähkästchen zu plaudern. Er schwärzt Spieler und frühere Trainer an, obwohl er weiß, dass das, was er da mitteilt, längst bekannt ist. Die Fachleute in den Medien rätseln, was ihn dazu bewogen hat und was er damit bezweckt. Überzeugende Antworten bieten die Fußballexperten bisher nicht.

Die einen vermuten, er wolle noch mehr verdienen, weil er den Hals nicht voll bekomme. Andere halten das für wenig plausibel, weil er doch schon sehr viel verdiene. Wieder andere meinen, er wolle sein Image ändern, weg vom Typ netter Schwiegersohn hin zum Typ harter Hund. Das solle den Vorwurf widerlegen, er sei ein Weichei und als Leitwolf eine Fehlbesetzung, wie dies kürzlich der frühere Torwart Kahn anklingen ließ. Die Nächsten meinen das Gegenteil. Lahm profiliere sich nun als mächtigster Spieler Deutschlands und als Typ des modernen Leitwolfs. Andere vermuten sogar, Kahns Vorwurf und die Veröffentlichung des Buches wurden synchronisiert, damit sich das Buch besser verkaufe und der Imagewechsel nachhaltiger wirke.

Misstrauen gesät

Während die Motivforscher unter den Fußball-Experten uneins sind, warum Lahm frühere Kollegen und Vorgesetzte herabsetzt, konzentrieren sich weniger besinnliche Beobachter auf die Reaktionen, die Lahms Buch auslöst. Die abgemeierten Trainer sind empört, verschonte Trainer gehen auf Distanz. Sollte Lahm tatsächlich beabsichtigt haben, mit dem Buch sein Image zu ändern, muss man sagen: Das ist gelungen. Doch anders, als er es beabsichtigt haben mag.

Mit dem Buch hat er sich selbst, seinen Führungsanspruch und seinen Mannschaften geschadet. Für Leute wie ihn gilt: Man plaudert nicht aus der Schule. Wer das tut, fliegt über kurz oder lang von der Schule. Diese Binsenregel trifft nicht nur auf Fußballmannschaften der guten alten Zeit zu, wie mancher Fu0ballexperte meint. Sie gilt auch heute. Und morgen. Und nicht nur für Fußball-Teams. Sie gilt für jedes Team, das sich am Erfolg orientiert und sich gegen Konkurrenz behaupten will, von Gesangvereinen über Wirtschaftsunternehmen bis hin zur Mafia. Wer ausplaudert und andere schmäht, sät Misstrauen in seinem Team. Er zerstört die Vertraulichkeit und das Vertrauen. Sie sind die Voraussetzung für das Teamwork.

Wie eine Drohung

Jede Art von Team, das nach Effizienz strebt, muss die Kooperation perfektionieren. Es muss die Bereitschaft des Einzelnen fördern, sich zu integriert und seine Qualitäten dem Team zur Verfügung zu stellen. Dieser Prozess, der im Idealfall in blindes Verständnis mündet, muss ständig in Gang gehalten werden. Das erfordert jede Menge Absprachen.

Jeder in den Teams, in denen Lahm den Ton angibt, wird sich nach der Lektüre des Buches fragen müssen, ob er sich noch auf Lahms Diskretion verlassen will. Wer den leisesten Zweifel hegt, wird seine Kommunikation in der Mannschaft und mit Lahm nur noch unter Vorbehalt führen. Nach diesem Buch wird sich niemand mehr in Lahms sportlicher Umgebung unbefangen geben können. Denn niemand kann ausschließen, in Lahms nächstem Buch bloßgestellt zu werden.

Das gilt sogar für die Ober-Bayern Beckenbauer, Hoeneß und Rummenigge. Auch sie könnten Gegenstand seiner Profilierung werden. Lahm hat noch nicht viel vorzuweisen. Doch er weiß, wie man sich dennoch wichtig macht. Man macht Größere runter. Sein Buch wirkt wie eine Drohung. Hütet euch, ich beherrsche auch das Instrument der Diffamierung und Nachrede. Will die Bayern-Führung ihre Mannschaft intakt halten und sich selbst schützen, täte sie gut daran, Lahm Grenzen aufzuzeigen und ihm die Löffel lang zu ziehen.

Sich selbst entlarvt

Mit seinem Buch bestätigt er Kahns Kritik, Lahm habe noch nicht das Format einer Führungsfigur. Kahn weiß, wovon er spricht. Anführer schwächen nicht ihr Team, sie stärken es. Auch Kahn attackierte Kollegen, oft auf unangenehme Art. Es waren jedoch direkte Reaktionen auf Ereignisse, die er optimieren wollte. Er trug die Dinge mit den Betroffenen sofort aus und wartete nicht wie Lahm Jahre lang ab, ehe er sie zur Sprache brachte.

Lahm hatte seinerzeit nicht den Mumm, sich mit all denen von Angesicht zu Angesicht anzulegen, die er heute im Schutz großer räumlicher und zeitlicher Distanz bloßstellt. Viel interessanter als seine Bestätigung längst bekannter Sachverhalte ist der Umstand, auf welch naive, von keinerlei Selbstreflexion getrübte Art er sich selbst als Opportunist und Karrierist entlarvt, und zwar so offenherzig, dass es jeder sofort wahrnehmen kann.

Mit seinem Buch beschädigt Lahm den Korpsgeist, den bei früheren Mannschaften und Trainern vermisste. Dieser Weg führt den Autor Lahm in die Talkshows, doch den Fußballspieler Lahm in die Isolation. Als Mannschaftsspieler ist er dabei, untragbar zu werden. Es könnte der Anfang vom Ende seiner Karriere sein. Möglicherweise weiß er das sogar. Er ist ja nicht blöd.

Um Bedeutung ringen

Große und kleine Männer haben oft eines gemeinsam: Sie müssen es sich und anderen beweisen. Die Großen, dass ihre Bedeutung mindestens ihrer Körpergröße entspricht. Die Kleinen, dass ihre Bedeutung bei weitem ihre Köpergröße übertrifft. Tröstlicherweise gibt es Ausnahmen. Uwe Seeler ist mit 1,68 cm noch zwei Zentimeter kleiner als Philipp Lahm. Wie kaum ein zweiter verkörpert Seeler den ehrlichen Fußball. Er muss sich nicht auf einen Bücherstapel stellen, um groß zu erscheinen.

Die Fußballszene und ihre professionellen Beobachter neigen dazu, ihre Helden zu glorifizieren. Da gibt es den Kaiser, den Prinzen, den Tiger und den Titan. Und seit neuestem auch den Gernegroß.

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Ein Kommentar zu “Der Gernegroß”

  1. […] Lahm Bashing: der Gernegroß. Statt sich darauf zu konzentrieren, was er kann, ging er unter die Buchautoren. … postvonhorn […]

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