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Nebenbei

  • Auf Merz ist Verlass

    Eines muss man Friedrich Merz lassen: Auf ihn ist Verlass. Sobald es darauf ankommt, übermannen ihn Aussetzer. 2002 verlor er den Fraktionsvorsitz. Er kam nicht auf die Idee, sich die Hilfe von CSU-Chef Stoiber zu sichern. Wohl aber Merkel. Sie gab Stoiber für den Fraktionsvorsitz die Kanzlerkandidatur. Merz schaute in die Röhre. Als er 2018 gegen Kramp-Karrenbauer um den CDU-Vorsitz kandidierte, vergaß er, Teile der Jungen Union an sich binden. Seine Kandidatenrede fanden selbst seine Fans miserabel. Die Konkurrentin gewann. Wieder schaute er in die Röhre. Derzeit kämpft er erneut um den CDU-Vorsitz, diesmal gegen Laschet und Röttgen. Was passiert? Er patzt. Er rückt Schwule in die Nähe von Pädophilen. Prompt steht er mitten im Shitstorm und als Mann von vorgestern da. Er hat gute Aussichten, bei der Wahl wieder in die Röhre zu schauen. Selbst seine Fans sollten inzwischen wissen: Merz tut nichts, wenn er handeln müsste. Er versagt, wenn er die richtigen Worte sprechen müsste. Er plappert drauf los, wenn er den Mund halten sollte. Man fragt sich: Wie kommen Leute in der CDU nur auf die Idee, ein Mann wie er, der noch nie ein Regierungsamt innehatte und im entscheidenden Moment zu versagen pflegt, könnte die Union hinter sich vereinen, Deutschland führen, Europa zusammenhalten, beide durch Krisen führen und sie zwischen China, Russland und den USA über Wasser halten? – Ulrich Horn

Laschet: Vom Treiber zum Getriebenen

Mittwoch, 24. Juni 2020

Politik

Es kam, wie es kommen musste. Zu Beginn der Corona-Krise profilierte sich NRW-Ministerpräsident Laschet (CDU) als Vorreiter für die Öffnung des Lockdown. Als sie einsetzte, war die Erleichterung groß. Dann aber wurden ihre unangenehmen Begleiterscheinungen sichtbar. Vorreiter Laschet befindet sich plötzlich auf dem Rückzug. Seine guten Sympathiewerte sind über die Öffnung rapide gesunken.

Lob aus der Wirtschaft

Während der Isolation wuchs in der Bevölkerung mit jedem Tag die Sorge um das Wohl von Wirtschaft und Gesellschaft. Laschets unablässiges Drängen, über die Rückkehr zur Normalität nachzudenken und zu ihr zurückzukehren, trug dazu bei, den Stillstand zu verkürzen und ihn zu beenden.

Viele Menschen waren Laschet dankbar, vor allem Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Freiberufler, deren wirtschaftliche Basis zu bersten drohte. Sie nahmen gerne in Kauf, dass sein Vorgehen nicht ganz selbstlos war. Er kam den Wünschen der Wirtschaft entgegen, die unter großen Verlusten litt und den Zusammenbruch befürchtete.

Laschet inszenierte sich mit Bedacht als Anwalt der Wirtschaft. Diese Rolle entriss er seinem Parteifreund Merz, mit dem er um den CDU-Vorsitz konkurriert. Laschets Rechnung schien aufzugehen. Die Wirtschaft lobte ihn. Von Merz, der ihr in der Pandemie nicht helfen kann, rückte sie ein Stück weit ab.

Missratene Öffnung

Die Öffnung der Beschränkungen ist auch deshalb eng mit Laschet verbunden, weil sich sein CSU-Kollege Söder kräftig von ihm abgrenzte. Söder mahnt unablässig zur Vorsicht. Er hat die Wähler im Blick. Sie honorieren behutsames Vorgehen bei Gefahr. Seine Sympathiewerte stiegen stark an.

Laschet dagegen gewann mit seinem Öffnungskurs womöglich Anhänger in der CDU. In der Bevölkerung aber verlor er an Sympathie. Die fortschreitende Öffnung nährt die Sorge, die Corona-Krise könne sich erneut verschärfen. Gegen Laschet hat sich Unmut aufgestaut, auch weil die Öffnung ausgerechnet in NRW, den Land ihres Vorreiters, miserabel vorbereitet war.

Mit der Masseninfektion beim Fleischfabrikanten Tonnies und dem Lockdown für die Kreise Gütersloh und Warendorf gerät Laschet nun noch stärker unter Druck. Bisher stand nur die vage Vermutung im Raum, seine Öffnungspolitik könnte eine zweite Corona-Welle begünstigen. Nun muss er gegen Eindruck ankämpfen, sie sei in Ostwestfalen längst im Gange.

Sich angreifbar gemacht

Damit nicht genug, hängen Laschet auch die skandalösen Missstände im Unternehmen Tonnies nach, ebenso wie die Fehler und Versäumnisse im Umgang mit ihnen. Die schmalbrüstige Opposition im Düsseldorfer Landtag kann ihr Glück kaum fassen: Über seinen Öffnungskurs hat sich Laschet angreifbar gemacht.

Nun gewinnen auch jene Vorwürfe der Opposition an Gewicht, die bisher an ihm abzuprallen schienen: die mangelhaften Zustände in den NRW-Schulen etwa oder die misslungene Bemühung, die NRW-Städte von ihren horrenden Alt-Schulden zu befreien.

Mit der Öffnung, die Laschet betrieb, zerbrachen der Konsens und die Kooperation der Parteien im Kampf gegen das Virus. Mit dem ersten Schritt aus der Isolation wurde die Pandemie zum Gegenstand parteipolitischer Konfrontation. Sie verschärft sich zunehmend. Die Kritik an Laschet wird härter und lauter, nicht nur in der Politik, sondern auch in den Medien. Sein Krisenmanagement fängt an, in Verruf zu geraten.

Skandalöse Versäumnisse

Der Treiber ist dabei, zum Getriebenen zu werden. Statt souverän zu agieren, muss er immer häufiger auf unangenehme Sachverhalte reagieren, die mit der Öffnungspolitik erst möglich wurden. Auch Laschet mahnt zur Vorsicht. Seine Aufrufe aber klingen so, als fürchte er, dass ihm die schlimmen Folgen, die sich hier und da aus der Öffnung ergeben, ganz und gar entgleiten könnten.

Der Opposition bieten sich nun unerwartete Chancen. Sogar die seit Jahren vor sich hindösende NRW-SPD, die immer noch unter der bleiernen Starre der Ära Kraft leidet, wittert plötzlich Morgenluft. Die Partei krebst trotz passabler Arbeit ihrer Minister in der Bundesregierung nach wie vor auf niedrigem Niveau herum. Nun heißt es, Laschets Vorlagen zu nutzen, um sich zu berappeln.

Die SPD attackiert ihn heftig und lautstark. Sie prangert seine Versäumnisse an. Dabei lässt sie außer Betracht: Auch sie trägt Schuld an den skandalösen Bedingungen, unter denen viele ausländische Tönnies-Beschäftigte in Ostwestfalen arbeiten und leben müssen.

Ein Zugpferd gesucht

Diese Missstände tragen dazu bei, das Virus zu verbreiten. Nicht nur die CDU-Ministerpräsidenten Rüttgers und Laschet versäumten, die Verhältnisse in der Fleischindustrie grundlegend zu verbessern. Auch ihre SPD-Kollegen Clement, Steinbrück und Kraft sowie die in diesem Jahrhundert berufenen SPD-Arbeitsminister im Bund und in den Ländern haben die Missstände hingenommen, ebenso wie ihre Kabinettskollegen und die zahllosen Abgeordneten, die seit der Jahrtausendwende in den Parlamenten saßen und sitzen.

Die jüngsten Krisen beleuchten grell die Versäumnisse der Abgeordneten. Sie agieren nicht auf der höhe der Zeit. Die Einwanderungsbehörden waren auf Zuwanderung nicht vorbereitet, die Verkehrsbehörden nicht auf die Defekte der Infrastruktur, die Gesundheitsbehörden nicht auf die Pandemie, die Schulbehörden nicht auf das Computerzeitalter, die Wirtschaftsbehörden nicht auf die Digitalisierung, die Polizei nicht auf den Kampf gegen Mafia, Clan-Kriminalität, Pädophilie und Terror von rechts und links.

Am 13. September finden in NRW Kommunalwahlen statt. Ein schwaches CDU-Resultat wäre ein schlechtes Omen für Laschets Ambition, CDU-Chef und Merkels Nachfolger im Kanzleramt zu werden. Wer wird dann glauben, er tauge als Zugpferd für die Bundestagswahl 2021? Wie viele Unionsanhänger mögen mit Blick auf die noch ferne Wahl wohl heute bedauern, dass die CDU- und CSU-Funktionäre in den vergangenen Monaten Merkel zum Abschied getrieben haben? – Ulrich Horn


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6 Kommentare zu “Laschet: Vom Treiber zum Getriebenen”

  1. Markus sagt:

    „Wie viele Unionsanhänger mögen mit Blick auf die noch ferne Wahl wohl heute bedauern, dass die CDU- und CSU-Funktionäre in den vergangenen Monaten Merkel zum Abschied getrieben haben?“

    Keine Bange, Merkel wird uns noch erhalten bleiben. Wer glaubt, daß die ausgebuffte Machtpolitikerin Merkel auch nur eine Sekunde ans Aufhören dachte, wird sich 2021 verwundert die Augen reiben!

    Aber spielen wir doch mal den Advocatus Diaboli und sagen, daß Tönnies durch uns Verbraucher großgemacht wurde und daß die Arbeiter aus Osteuropa zu Tönnies kommen, weil er besser bezahlt als die Schlachthöfe in deren Heimatländern, wo sich kein Schwein um die Arbeitsbedingungen und um das Tierwohl kümmert wie hierzulande.

    Und Laschet im Vergleich zu Söder? Söder ist Merkel-Adlatus und eine Null, der Bayern herunterwirtschaften wird, wenn es so weitergeht. Laschet hingegen hat vielfach gute Ansätze, ihm fehlt aber der Mut und die Entschlußkraft, angefangene Dinge auch zu Ende zu führen.

    Der Corona-Wahnsinn droht unser Land in eine ernste Lage zu bringen. Warum schauen die Leute nur wie gebannt auf die Infektionszahlen, aber nicht auf die Einzelfälle von tatsächlich Erkrankten? Sieht so der Weltuntergang aus mit 21(!) Patienten in stationärer Behandlung?
    https://twitter.com/KreisGuetersloh/status/1275452473382072320?ref_src=twsrc%5Egoogle%7Ctwcamp%5Eserp%7Ctwgr%5Etweet

  2. Verliert die CDU bei der Kommunalwahl und wird Laschet Kanzlerkandidat, treffen dann bei der Bundestagswahl zwei Verlierer mit Scholz und Laschet aufeinander. Keine gute Aussicht, was die Akzeptanz des neuen Kanzlers angeht.
    Was zusätzlich zu denken gibt, ist das von Ihnen skizzierte Dauerversagen der Behörden. Offensichtlich können diese äußerst schwerfälligen Apparate mit ihren Staatsdienern ausschließlich reagieren anstatt auch mal zu agieren. Das ist naturgemäß dem Wesen des Beamten geschuldet und offenbart die Schwäche des Systems.

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