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Nebenbei

  • Es geht noch schlechter

    Um die Deutsche Bank und die Commerzbank steht es schlecht. Bundesfinanzminister Scholz (SPD) möchte ihren Verfall stoppen. Sie sollen sich zusammenschließen. Er hofft, vereint könnten sie eine stärkere Rolle spielen. Die Verhandlungen haben gerade begonnen. Sie werden beide Banken zunächst weiter schwächen. Um größeres Gewicht zu gewinnen, müssen sie Kosten senken. Sie gilt, Stellen zu streichen und Zweigstellen zu schließen. Beide Geldhäuser beschäftigen insgesamt gut 130.000 Menschen. Soll der Zusammenschluss den gewünschten Gewinn bringen, könnten 20.000 bis 50.000 Stellen wegfallen. Was werden die Mitarbeiter bei diesen Aussichten tun? Sie werden sich fragen, ob sie es sind, die demnächst auf der Strecke bleiben. Viele werden alles daransetzen, einen anderen Arbeitgeber zu finden. Sie werden sich umhören, Bewerbungen schreiben, sich auf Bewerbungsgespräche vorbereiten. Sie werden ihre finanziellen Verhältnisse straffen, um drohende Durststrecken zu überstehen. Sie werden sich zum Abwehrkampf gegen den Zusammenschluss formieren und an Protestaktionen teilnehmen. Bis die Vereinigung in trockenen Tüchern ist, falls es zu ihr kommt, wird einige Zeit ins Land gehen. Derweil werden sich die Beschäftigten mehr mit sich selbst als mit den Geschäften ihrer Bank befassen. Ist es abwegig abzunehmen, dass sich die schlechte Ertragslage der beiden Banken in nächster Zeit noch verschlechtern wird? – Ulrich Horn

Betrug und Selbstbetrug eines Nachrichtenorgans

Der Spiegel: Das Märchenmagazin

Freitag, 28. Dezember 2018

Medien

Seit Jahren schrumpft die Auflage des „Spiegel“. Sie sinkt auch, weil das Magazin an Renommee verliert. Sein Autor Relotius hat diesen Schlamassel nun stark vergrößert. Der preisgekrönte Reporter wurde als Betrüger entlarvt. Der Schaden geht weit über ihn hinaus. Die Medienbranche, die sich so gerne ehrt, feiert und bejubelt, ist bis auf die Knochen blamiert.

Auf die Schliche gekommen

Alle, die ihn beim „Spiegel“ leiten und kontrollieren sollten, stehen unter dem Vorwurf, leichtfertig und inkompetent agiert und den Betrug, wenn auch ohne Absicht, begünstigt zu haben. Sie können sich als Mittäter bloßgestellt fühlen.

Dumm stehen auch die Mitglieder der vielen Jurys da, die in der eitlen Medienszene Relotius mit Preisen überschüttet haben. In diesen Jurys saßen namhafte Geistesgrößen, die nun Gefahr laufen, als einfältig zu gelten.

Tröstlich in dieser schmierigen Affäre ist: Zumindest einer beim „Spiegel“ hatte alle Tassen im Schrank – der Reporter Moreno. Ich schlage vor, ihn 2019 zum Reporter des Jahres zu wählen. Er kam den Manipulationen seines Kollegen Relotius auf die Schliche und vertraute sich seinen Vorgesetzten an. Er hielt sich an das „Spiegel“-Motto: „Sagen, was ist.“

Zum Rohrkrepierer geworden

Und was geschah? Die Torheit beim „Spiegel“ erklomm unverzüglich den nächsthöheren Gipfel: Diejenigen, die Relotius kontrollieren sollten, dabei aber kläglich versagten und sich lange in seinem „Erfolg“ gesonnt haben, behandelten Moreno über etliche Wochen als Nestbeschmutzer.

Damit nicht genug: Das Magazin bringt es sogar fertig, die Aufklärung des Skandals zu einem weiteren Skandal zu machen. Ausgerechnet jene, die es unterließen, Relotius auf die Finger zu schauen, geben nun vor, den Skandal aufzuklären.

Der erste Schuss, den das vermeintliche Sturmgeschütz der Demokratie in der eigenen Sache abgab, wurde – keineswegs überraschend – zum Rohrkrepierer: „Spiegel legt Betrugsfall im eigenen Haus offen“, lautet die Schlagzeile, mit der da der stellvertretende Chefredakteur Fichtner seine „Rekonstruktion“ des Betrugs plakatierte.

Als Opfer dargestellt

Das Wörtchen „offen“ erweist sich als maßlos übertrieben. Statt die Machenschaften des Starreporters zu sezieren, umschreibt Fichtner dessen Vorgehen vorwiegend blumig. Fakten scheinen auch Fichtners Sache nicht zu sein. Der Anteil des „Spiegel“ an den Fälschungen umhüllt er mit dichtem Hamburger Hafennebel.

Fichtner sieht sein Organ (und wohl auch sich selbst) vor allem als Opfer eines raffinierten Fälschers. Zum Betrug des Relotius gesellt sich nun auch noch Fichtners Selbstbetrug. Es ist nicht auszuschließen, dass manches Jury-Mitglied, das Relotius auszeichnete, zur eigenen Entlastung Fichtner nacheifert, wie auch manches Blatt, das ebenfalls auf Relotius hereinfiel und ihn dummerweise abdruckte.

Der „Spiegel“ bekommt zum Jahreswechsel eine neue Chefredaktion. Wird sie sauber aufklären und  den „Spiegel“ vom Märchen- zum Nachrichtenmagazin zurückentwickeln? Oder entpuppt sie sich als Teil des Problems? Fichtners „Rekonstruktion“ des Betrugs jedenfalls dient eher der Selbstverteidigung als der Aufklärung. Sein Rührstück ähnelt jenen faktenarmen, bunten Märchen, mit denen Relotius seine Vorgesetzten lange beglückte und verzückte. Wen wundert es da noch, dass er beim „Spiegel“ und über ihn hinaus reüssieren konnte? – Ulrich Horn


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7 Kommentare zu “Der Spiegel: Das Märchenmagazin”

  1. Markus sagt:

    Wie andere schon zu diesem Fall richtig bemerkt haben, hat Relotius in seinen erfundenen Geschichten inhaltlich nur das geliefert, was der journalistische Meinungsmainstream derzeit hören und lesen will. Daher ist der Fall Relotius auch nicht nur für den „Spiegel“ peinlich und bezeichnend, sondern für weite Teile der Journalistenzunft. Wenn es die freien, kritischen Blogger nicht gäbe, wäre dieser Fall vielleicht sogar noch längere Zeit der Öffentlichkeit vorenthalten worden.

  2. Susan sagt:

    Mathaias Heine 13.11.2016 in der Welt
    „Hinz und Kunz schwafeln heutezutage vom ‚Narrativ‘
    https://www.welt.de/debatte/kommentare/article159450529/Hinz-und-Kunz-schwafeln-heutzutage-vom-Narrativ.html

    Da hat sich der Spiegel und mit ihm auch die anderen großen Politikmagazine mittlerweile zu Käseblättchen runterentwickelt. Gerade den Spiegel lesen wir schon lange sehr skeptisch und nicht mehr regelmäßig. Dabei lag der über Jahrzehnte wöchentlich neu auf dem Tisch. Endgültig abbestellt haben wir ihn vor 3 Jahren. Wir entdeckten die Ruhrbarone und so kamen wir hier zur Post von Horn 🙂 Ulrich Horn WAZ, Sie haben wir vermisst und haben uns sehr gefreut, Sie hier wiederzufinden.

  3. Cerberus sagt:

    „In Deutschland gilt immer noch der Satz, dass derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher gilt als derjenige, der den Schmutz macht.“ Also Herr Moreno, passen Sie auf!

  4. scheylock sagt:

    Ich bin der Meinung, daß die Vorgesetzten des Claas Relotius das grundsätzlich gewußt haben. Vielleicht nicht in den Ausmaßen, aber es gab offensichtlich erfundene Stellen in den Artikeln, z.B. daß die beiden Kinder, von denen es auch nur eines gibt und dann nicht da, wo der claasische Relotismus es verortet, daß diese beiden also „von Angela Merkel träumen“.

    Als Argument für meine Meinung bringe ich den Fall des Mohammed al-Dura, der angeblich von IDF-Schützen, an der Netzarim-Kreuzung in Gaza am 30. September 2000, erschossen wurde. Der Korrespondent Charles Enderlin, der zu der Zeit in Ramallah am Schreibtisch saß und nichts gesehen hatte, wurde von seinen Vorgesetzten in France 2 noch unterstützt, das Filmmaterial wurde kostenlos in alle Welt verteilt. Der Orden der Légion d’honneur wurde ihm verliehen.

    Claas Relotius hätte sich nie getraut, solche offensichtlichen Märchen zu bringen, wenn es dem SPIEGEL nicht genehm gewesen wäre.

    So, und nun wünsche ich allen ein gutes Neues Jahr, arm an Medienlügen. Euer scheylock!

  5. scheylock sagt:

    Ein frohes Neues Jahr und Freiheit der Meinungsäußerung nicht nur für Claas Relotius, sondern auch für solche, die Tatsachen berichten!

  6. Thomas Weigle sagt:

    Immerhin wurde nicht verlangt, „Geschichte neu zu schreiben.“ Und einen amüsanten Film wird`s wohl auch nicht geben. Früher war halt alles besser und größer!!

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