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Nebenbei

  • Wem die „Straße“ nutzt

    Schauen wir drei, vier Monate zurück. Was stellen wir fest? Damals vollzogen sich Metamorphosen. Rechtzeitig zur Wahl in den Niederlanden Mitte März verwandelten sich Journalisten in Auguren. Voller Inbrunst sagten sie Europas Ende voraus. sahen so abenteuerliche Gestalten wie Wilders, Le Pen, Höcke und Gauland die Macht übernehmen und die EU zerstören. Doch die Niederländer spielten nicht mit. Sie ließen sich nicht verrückt machen. Sie erteilten den Rechtsradikalen eine Abfuhr. Die Auguren in den Medien beruhigten sich nicht. Sie schauten auf die Präsidentschaftswahl in Frankreich und malten erneut den Teufel an die Wand. Wieder vergeblich. Die Franzosen kehrten Le Pen den Rücken, hissten die Europa-Flagge und folgten Macron. Auch dieses Wahlresultat beruhigte die Journalisten nicht. Nun sorgten sie sich, die französischen Wähler könnten bei der Wahl zur Nationalversammlung Europa in den Untergang treiben. Die Wähler taten das Gegenteil. Sie verschafften Macron die absolute Mehrheit, ließen den Front National verkümmern und mit ihm den Rest des vertrockneten politischen Establishments. Und nun? Nun raunen die Auguren, die Wahlbeteiligung sei extrem niedrig gewesen. Macron und seine absolute Parlamentsmehrheit könnten mit ihren Reformen am Widerstand der „Straße“ scheitern. Die „Straße“, wer ist das? Es ist vor allem der Gewerkschaftsbund CGT, der den Kommunisten nahesteht. Er ist für die Probleme mitverantwortlich, die Frankreich paralysieren und die Macron mit den vielen Anhängern seiner Partei La République en Marche! beheben will. Warum so viele Franzosen dennoch nicht wählen gingen? Vielleicht sammeln sie Kraft, um demnächst gegen die CGT und für Macrons Reformen auf die Straße zu gehen. Wen würde das wundern? Mich nicht. – Ulrich Horn

CSU-Chef verheddert sich in Bayerns Landespolitik

Seehofer: Verrenkungen beim Spagat

Dienstag, 29. November 2016

Politik

Politiker brauchen Resonanz. Bayerns Regierungs- und CSU-Chef Seehofer genießt sie reichlich. Kürzlich noch hob er die Differenzen zur CDU hervor und stellte die Union mit ihr infrage. Nun lobt er CDU-Chefin Merkel und sieht beide Parteien eng beieinander. Je näher die Bundestags- und die Bayernwahl rücken, desto klarer wird: Bei Seehofers Aktionen, die bundesweit für Gesprächsstoff sorgen, handelt es sich vor allem um bayerische Landespolitik.

Unentbehrlich gemacht

Seehofers Elend begann bei der Europawahl 2014. Damals nötigte er der CSU eine falsche Wahlkampfstrategie auf, die der Partei schwere Einbußen bescherte. Seither fürchtet er um seine beiden Ämter.

Die Wahlverluste überlebte er nur, weil er sich mit zwei Unionspolitikern anlegte: CSU-Finanzminister Söder und CDU-Kanzlerin Merkel. Mit Söder bekämpft er den aussichtsreichsten Nachfolgekandidaten. Bei Merkel fand Seehofer Munition, um sich in der CSU unentbehrlich zu machen.

Merkel und Söder bekämpfte er heftig. Bei jeder Gelegenheit kanzelte er sie ab. Dass er auf diese Weise dazu beitrug, die Umfragewerte der Union abzusenken und der CDU die Landtagswahlkämpfe zu verderben, nahm er in Kauf. Er sah sich vom Zuspruch bestätigt, den er bundesweit erfuhr.

Im Spiel gehalten

Lange konnte er den Anschein erwecken, dass er in der Union die Akzente setze. Dieser Eindruck täuscht schon seit geraumer Zeit. Seehofers kraftraubende Politik stößt an Grenzen. Er kann nicht mehr verbergen, dass er mit jedem Schritt Richtung AfD nur nachvollzieht, was Söder vorexerziert.

Der Finanzminister gibt den wahren Hartliner der CSU. Er stellt sich stets rechts von Seehofer auf, um sich von ihm nicht kleinmachen zu lassen. Je härter Söder Merkel kritisiert, desto stärker sieht sich Seehofer genötigt, nachzulegen. Beide schaukelten sich gegenseitig hoch, um sich im Spiel zu halten.

Seit Merkel die Differenzen zu Seehofer verringert, fällt es ihm immer schwerer, sich von ihr abzusetzen, ohne destruktiv zu erscheinen. Viele CSU-Funktionäre erwarten, dass er den Konflikt mit Merkel und der CDU glättet, um die Wahlchancen der Union zu verbessern.

Felder besetzt

Söder sieht sich den Zwängen der nahenden Bundestagswahl nicht ausgesetzt. Während er die Distanz zur AfD unvermindert klein hält, bekommt Seehofer mit der Annäherung an Merkel Probleme. Merkel und die Bundestagswahl sowie Söder und die Bayern-Wahl zwingen den CSU-Chef zum Spagat, der immer wieder zu Verrenkungen führt.

Zu den apartesten zählt sein Versuch, bayrische Außenpolitik zu betreiben. Er umwirbt Ungarns rechtspopulistischen Regierungschef Orban. Er reiste nach Moskau und signalisierte mit seinem Besuch bei Putin, dass der von Merkel befürwortete Boykott gegen Russland gelockert werden sollte.

Sobald sich Seehofer bewegt und exponiert, besetzt Söder die freigeräumten Felder. Als Kontrast zu Seehofers Russlandreise organisierte er prompt eine Tagung mit dem Ziel, die Beziehungen zu den USA zu stärken.

Über den grünen Klee gelobt

Nachdrücklich wies Söder darauf hin, dass Bayerns Verbindungen zu den USA nicht hinreichend seien und ausgebaut werden müssten. Dieser Kritik versucht Seehofer, die Spitze zu nehmen. Er lud den künftigen US-Präsidenten Trump nach München ein.

Was als große bundespolitische Aktion daher kommt, entpuppt sich als bayerisches Kleinklein. Manche Aktion in der CSU wirkt noch kleiner, seit Merkel bekannt gab, dass sie erneut kandidieren wird.

Prompt stiegen ihre Sympathiewerte und die der Union. Zwei Drittel der Wähler begrüßten die Entscheidung der Kanzlerin. Und wie reagierte deren bekanntester Kritiker? Seehofer lobte Merkel – für seine Verhältnisse – über den grünen Klee. Wie lange er sich wohl noch in der Balance halten mag? – Ulrich Horn


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