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Nebenbei

  • Armes NRW

    Mehr als eine Woche lang stand in den Kreisen Gütersloh und Warendorf der Lockdown in Rede. Auch wenn er nicht gleich angeordnet wurde, als bei Tönnies das Virus zuschlug: Umsichtige Politik hätte einen Lockdown zumindest in Betracht ziehen müssen. NRW-Ministerpräsident Laschet wehrte ihn zunächst ab. Der Regierungschef tat sich schwer, die Freiheitsrechte erneut einzuschränken. – Doch NRW ist nicht allein auf dieser Welt. Ganz gleich, ob es den Lockdown ausruft oder nicht: Andere Bundesländer gehen so oder so in Deckung. Ihnen reicht die hohe Zahl der Infizierten, um für Besucher aus den Kreisen Gütersloh und Warendorf hohe Hürden aufzurichten. Österreich warnt sogar vor Reisen nach NRW. – Inzwischen hat Laschet doch noch den Lockdown angeordnet und die Bürger in und um Gütersloh und Warendorf aufgerufen, sich testen zu lassen. Die Bürger folgten brav. Das Ergebnis: Bis zu vier Stunden mussten sie am Mittwoch vor einem Testzentrum warten. Die Tester fühlten sich überfordert. Sie schickten die Bürger nach Hause und vertrösteten sie auf Donnerstag. Armes NRW. Zuerst ärgerten sich die Bürger über den erneuten Lockdown. Nun ärgern sie sich darüber, dass die Politiker und die Verwaltungen es nicht fertig brachten, zügiges Testen zu ermöglichen. Genügend Zeit, um entsprechende Vorkehrungen zu treffen, war durchaus vorhanden. – Was lehrt uns das? Erstens: Der Amtsschimmel kann, wenn er nicht gerade eben steht und grast, sich wohl nur im Schritttempo bewegen. Und zweitens: Viele Politiker sind für ihren Job offenbar fehlqualifiziert. Sie ließen sich wählen, obwohl sie gar nicht reiten können – schon gar nicht den Amtsschimmel. – Ulrich Horn

Erdogan und seine Fans

Dienstag, 2. August 2016

Nebenbei

Erstaunlich, welchen Widerhall Erdogan in den deutschen Medien erzielt: Die Resonanz auf seine Kölner Fandemo war größer als die Kundgebung selbst. Allenfalls 40.000 beteiligten sich. Ziemlich dürftig, wenn man bedenkt, dass hier drei Millionen Deutschtürken leben und die deutschen Ableger der Erdoganpartei AKP für die Demo trommelten, was das Zeug hielt. Den Trommlern war klar, dass die Demo nicht riesig würde. Sie versuchten, sie lautstark aufzublasen. Erdogan half mit. Er hat seine Anhänger in der Türkei fest im Blick, die sich vor allem im östlichen, weniger entwickelten Teil des Landes finden. Um sie hinter sich zu scharen, muss er den starken Mann machen. Lässt er darin nach, wird es ihm als Schwäche angerechnet. Erdogan steckt im Hamsterrad. Auch er befürchtete offenbar, das Medienecho auf die Demo könnte zu schwach ausfallen. Deshalb mühte er sich, es zu verstärken. Er wollte die Demonstranten über eine Videoschaltung agitieren. Sie wurde gerichtlich untersagt. Ersatzweise will er nun die EU mit dem Flüchtlingsabkommen erpressen. Die EU ließ ihn abfahren. Nun steht er da. Um nicht als Großmaul zu gelten, müsste er seine Drohung in die Tat umsetzen. Ob er das nach einem Blick in seine Kasse wagt? – Die Kölner Kundgebung sollte Stärke demonstrieren und offenbart doch nur Schwäche: Die deutschtürkischen Teilnehmer zeigten, dass ihre Integration noch nicht vollendet und ihr Bild von sich, von Erdogan und der Türkei reichlich schief ist. Es fehlt ihnen eine realistische Sicht auf Deutschland, auf Erdogans Treiben und auf die Verhältnisse in der Türkei. Erdogan gaukelt ihnen vor, die Türkei sei stark – ein Trugbild, das sich schnell verflüchtigt. – Die Erdoganfans erinnern an die deutschen Vertriebenen, die sich an ihre Herkunft klammerten, obwohl sie sich in der alten Bundesrepublik immer stärker verwurzelten. Heute reicht es bei ihnen nur noch zu schützenvereinsähnlicher Traditionspflege. Erdogan Fans sind auf dem besten Weg dorthin. – Ulrich Horn

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4 Kommentare zu “Erdogan und seine Fans”

  1. Hubertus Bruch sagt:

    Man möchte ergänzen: Was kümmert es die Deutsche Eiche, was der türkische Herr Tur Tur für Stürme in seinem Rakigläschen entfacht!

  2. Çehreli sagt:

    Endlich mal ein erfrischender und treffender Beitrag zu Diskussion um Erdogan und AKP. Zwei Ergänzungen:
    Die Äußerung hinsichtlich der Flüchtlingsfrage wurde vom türkischen Außenminister in einem Zeitungsinterview getätigt. Es (…) wurde (k)ein Beschluss seitens der türkischen Regierung gefasst, noch wurden von offizieller Seite irgendwelche Schritte in diese Richtung getroffen. Also auch hier, wie bei der Demo in Köln auch, ein medialer „Sturm im Wasserglas“.
    Zum Zweiten möchte ich, angelehnt an Ihr Zitat, hinsichtlich der aktuellen Medienhysterie ergänzen: „Die Medien kläffen, aber die diplomatische Karawane zieht weiter.“

  3. Freifrau sagt:

    Super – Artikel
    Schade, dass er nicht im Express oder der Bildzeitung erscheint:-)

  4. Roland Mitschke sagt:

    Die Kölner Kundgebung zeigt ein großes Mobilisierungspotential, welches nicht unterschätzt werden darf. Es muss uns zu denken geben, wenn die Bindungen der Deutschtürken an die Türkei stärker sind als zu dem Land, in dem sie auf eigene Initiative leben und arbeiten, am Wohlstand teilnehmen – oft in zweiter und dritter Generation. Wäre nicht eine ernsthafte Diskussion über eine Leitkultur in unserem Land schon vor 20 Jahren sinnvoll gewesen?
    Der Vergleich mit den deutschen Ostvertriebenen ist mehr als schräg. Sie kamen nicht als Gastarbeiter, sondern als Hauptträger der Folgen des Krieges, als echte Vertriebene – ohne die Möglichkeit zur Rückkehr in ihre Heimat. Sie wurden zwangsweise umgesiedelt im gleichen Sprach- und Kulturkreis.

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