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Nebenbei

  • Nackenschlag zu Neujahr

    Seit Anfang Dezember sind die beiden SPD-Chefs im Amt. Seither suchen sie nach Autorität. Sie wehren sich, Handlanger von Jusos-Chef Kühnert zu sein, und geben viele Erklärungen ab. Esken wirkt noch etwas gehemmt. Walter-Borjans, seit jeher sein eigener Pressesprecher, hantiert routinierter. Kaum ein Thema, zu dem er schweigt. Sein Spektrum reicht vom Kassenbon über die Geschäfte, mit denen sich die WestLB unter seiner Aufsicht in Verruf brachte, bis hin zur neuen Ostseepipeline, die sein Vor-, Vor-, Vor-, Vor-, Vor-, Vor-, Vor-, Vor-, Vor-, Vorgänger Schröder beaufsichtigt. Auch die Rolle der SPD weiß Walter-Borjans zu definieren. „Sozialdemokratie notwendiger denn je“, heißt es bei ihm auf Twitter. Er und Esken kamen an ihre Posten mit der Verheißung, die Großen Koalition zu verlassen. Inzwischen dämmert ihnen wohl, dass die Behauptung, die SPD sei unverzichtbar, und der Koalitionsbruch sich widersprechen. Über ihn reden sie kaum noch. Ihr Generalsekretär Klingbeil dagegen sieht Klärungsbedarf. Er sagt den Koalitionsbruch endgültig ab. Für die SPD-Chefs, die nach Autorität streben, ein herber Nackenschlag. Alle ihre Forderungen verlieren nun ihr Sprengpotenzial. Etliche Wähler dürften die beiden SPD-Chefs nun für Maulhelden, wenn nicht gar für Rosstäuscher halten. Deutlich wird auch: Mit ihrer Autorität ist es nicht weit her. Machtfragen beantworten nicht sie, sondern ihr Generalsekretär. Kaum einen Monat sind sie im Amt, und schon stellt sich die Frage: Wie lange wird es dauern, bis Klingbeil (oder Kühnert) an ihre Stelle rückt? – Ulrich Horn

Erdogan und seine Fans

Dienstag, 2. August 2016

Nebenbei

Erstaunlich, welchen Widerhall Erdogan in den deutschen Medien erzielt: Die Resonanz auf seine Kölner Fandemo war größer als die Kundgebung selbst. Allenfalls 40.000 beteiligten sich. Ziemlich dürftig, wenn man bedenkt, dass hier drei Millionen Deutschtürken leben und die deutschen Ableger der Erdoganpartei AKP für die Demo trommelten, was das Zeug hielt. Den Trommlern war klar, dass die Demo nicht riesig würde. Sie versuchten, sie lautstark aufzublasen. Erdogan half mit. Er hat seine Anhänger in der Türkei fest im Blick, die sich vor allem im östlichen, weniger entwickelten Teil des Landes finden. Um sie hinter sich zu scharen, muss er den starken Mann machen. Lässt er darin nach, wird es ihm als Schwäche angerechnet. Erdogan steckt im Hamsterrad. Auch er befürchtete offenbar, das Medienecho auf die Demo könnte zu schwach ausfallen. Deshalb mühte er sich, es zu verstärken. Er wollte die Demonstranten über eine Videoschaltung agitieren. Sie wurde gerichtlich untersagt. Ersatzweise will er nun die EU mit dem Flüchtlingsabkommen erpressen. Die EU ließ ihn abfahren. Nun steht er da. Um nicht als Großmaul zu gelten, müsste er seine Drohung in die Tat umsetzen. Ob er das nach einem Blick in seine Kasse wagt? – Die Kölner Kundgebung sollte Stärke demonstrieren und offenbart doch nur Schwäche: Die deutschtürkischen Teilnehmer zeigten, dass ihre Integration noch nicht vollendet und ihr Bild von sich, von Erdogan und der Türkei reichlich schief ist. Es fehlt ihnen eine realistische Sicht auf Deutschland, auf Erdogans Treiben und auf die Verhältnisse in der Türkei. Erdogan gaukelt ihnen vor, die Türkei sei stark – ein Trugbild, das sich schnell verflüchtigt. – Die Erdoganfans erinnern an die deutschen Vertriebenen, die sich an ihre Herkunft klammerten, obwohl sie sich in der alten Bundesrepublik immer stärker verwurzelten. Heute reicht es bei ihnen nur noch zu schützenvereinsähnlicher Traditionspflege. Erdogan Fans sind auf dem besten Weg dorthin. – Ulrich Horn

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4 Kommentare zu “Erdogan und seine Fans”

  1. Hubertus Bruch sagt:

    Man möchte ergänzen: Was kümmert es die Deutsche Eiche, was der türkische Herr Tur Tur für Stürme in seinem Rakigläschen entfacht!

  2. Çehreli sagt:

    Endlich mal ein erfrischender und treffender Beitrag zu Diskussion um Erdogan und AKP. Zwei Ergänzungen:
    Die Äußerung hinsichtlich der Flüchtlingsfrage wurde vom türkischen Außenminister in einem Zeitungsinterview getätigt. Es (…) wurde (k)ein Beschluss seitens der türkischen Regierung gefasst, noch wurden von offizieller Seite irgendwelche Schritte in diese Richtung getroffen. Also auch hier, wie bei der Demo in Köln auch, ein medialer „Sturm im Wasserglas“.
    Zum Zweiten möchte ich, angelehnt an Ihr Zitat, hinsichtlich der aktuellen Medienhysterie ergänzen: „Die Medien kläffen, aber die diplomatische Karawane zieht weiter.“

  3. Freifrau sagt:

    Super – Artikel
    Schade, dass er nicht im Express oder der Bildzeitung erscheint:-)

  4. Roland Mitschke sagt:

    Die Kölner Kundgebung zeigt ein großes Mobilisierungspotential, welches nicht unterschätzt werden darf. Es muss uns zu denken geben, wenn die Bindungen der Deutschtürken an die Türkei stärker sind als zu dem Land, in dem sie auf eigene Initiative leben und arbeiten, am Wohlstand teilnehmen – oft in zweiter und dritter Generation. Wäre nicht eine ernsthafte Diskussion über eine Leitkultur in unserem Land schon vor 20 Jahren sinnvoll gewesen?
    Der Vergleich mit den deutschen Ostvertriebenen ist mehr als schräg. Sie kamen nicht als Gastarbeiter, sondern als Hauptträger der Folgen des Krieges, als echte Vertriebene – ohne die Möglichkeit zur Rückkehr in ihre Heimat. Sie wurden zwangsweise umgesiedelt im gleichen Sprach- und Kulturkreis.

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