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Nebenbei

  • Hummels, Hoeneß, Glück

    Man stelle sich vor: Statt Costa (FCB) hätte Hummels (Borussia) den Elfmeter verwandelt, mit dem das Pokalfinale entschieden wurde. FCB-Trainer Guardiola stünde ziemlich belämmert und die teure Truppe des FCB mit „nur“ einem Titel da. Die FCB-Macher Rummenigge und Hoeneß würden blöd aus der Wäsche gucken. Die halbe Republik würde sich ins Fäustchen lachen. Hummels hätte bewiesen, dass er Rückgrat hat. Da er in der nächsten Saison in München spielen wird und über seine aktive Zeit hinaus dort seinen Lebensmittelpunkt sieht, wäre er an der Iser wohl seines Lebens nicht mehr froh geworden. Einer, der mit allen Wassern gewaschen ist, sah das voraus. Hoeneß riet davon ab, Hummels beim Elfmeterschießen einzusetzen. Wie weit der Einfluss von Hoeneß reicht, zeigte sich auf dem Platz. Hummels erweckte den Eindruck, als habe er sich Hoeneß’ Worte zu Herzen genommen. Der Borussia-Verteidiger spielte mit gebremstem Schaum. Eine Viertelstunde vor Schluss der regulären Spielzeit erweckte er sogar den Eindruck, stark abzubauen. Sein Verbleib auf dem Platz schien für Dortmund von Minute zu Minute riskanter. Hummels wurde ausgewechselt. Beim Elfmeterschießen standen seine Dienste nicht mehr zur Verfügung. Bayern gewann das Spiel (auch), weil Costa den entscheidenden Elfmeter verwandelte und Hoeneß Hummels kleingekocht hatte. Man kann nicht einmal behaupten, Hummels habe Dortmund den Sieg gekostet oder München habe mit den Millionen für Hummels neben dem Spieler auch den Pokalsieg erworben. An Hummels allein lag es ja nicht. Der Schiedsrichter hätte Ribery vom Platz stellen, Aubameyang seine Chancen verwerten und Borussia-Trainer Tuchel andere Elfmeterschützen benennen müssen. Kein Wunder, dass Guardiola am Ende in Tränen ausbrach: Er konnte sein Glück nicht fassen. – Ulrich Horn

Wirtschaft und Profifußball in Skandalen vereint

Führungsspitzen ohne Anstand

Dienstag, 10. November 2015

Politik

Die jüngsten Skandale erschüttern vermeintliche Autoritäten. Die Vorgänge um die FIFA, die UEFA und den DFB bekräftigen den Eindruck, der Profifußball sei ein schmutziges Geschäft. Im Autokonzern VW wurde Betrug sogar zum Geschäftsprinzip gemacht. Fußball und Wirtschaft verbindet das gleiche Defizit: Die Führungsspitzen haben Probleme, sich anständig zu verhalten. Ihnen fehlt die Bindung an ethische Standards.

Selbstherrlichkeit demonstriert

Über diesen Sachverhalt mag lachen, wem Anstand wenig gilt. Wohin diese Einstellung führt, ist derzeit im Fußball- und Wirtschaftsmilieu zu beobachten. Der Profifußball setzt Milliarden um. Kein Wunder, dass er Geltungssüchtige, Geldgeile und Kriminelle anlockt. Lange konnten sie ihr Unwesen treiben, weil sich Wirtschaft und Politik zu ihren Kumpanen machten. Nun schützt deren Schützenhilfe nicht mehr. Sie müssen fürchten, selbst in den Sog der Skandale zu geraten.

Wie sehr die Sitten verludert sind, zeigte sich schon beim Hoeneß-Skandal. Der damalige Präsident des FC Bayern gestand, das Gemeinwesen um Steuern in Millionenhöhe betrogen zu haben. Dennoch ließen die FCB-Aufsichtsräte zu, dass er den Aufsichtsrat weiter führte. In dem Gremium sitzen nicht Hinz und Kunz, sondern Manager deutscher Weltkonzerne.

Deren Verhaltenskodex verpflichtet sie, in ihren Unternehmen Betrüger wie Hoeneß zu entlassen. Das taten die Konzernmanager im Fall Hoeneß jedoch nicht. Sie hielten ihn im Amt. Sie setzten sich über die Prinzipien guter Unternehmensführung hinweg – nicht heimlich, sondern öffentlich. Sie demonstrierten Selbstherrlichkeit.

Massendelikt der Begüterten

So schäbig wie ihr unethisches Verhalten war auch der Umstand, dass sie aus den Aufsichtsräten ihrer Unternehmen nicht zur Ordnung gerufen wurden. Die Spitzen der deutschen Wirtschaft blieben auf entlarvende Weise stumm, ebenso die Gremien des Profifußballs. Mit ihrem Schweigen billigten sie nicht nur das Fehlverhalten der FCB-Aufsichtsräte, die sich wie Kumpane von Hoeneß aufführten, sondern bagatellisierten auch dessen Betrug.

Das Schweigen war nicht nur schändlich, sondern auch schädlich, weil zeitgleich deutlich wurde, dass sich viele Zehntausend Wohlhabende auf der Steuerflucht waren. Sie hatten mit ihrem Geld die Steueroasen überschwemmt und waren dort auf eine herzliche Willkommenskultur gestoßen. Ihr unversteuertes Geld erhielt rasch Asyl. Steuerbetrug war zum Massendelikt der Begüterten geworden – mit großen Schäden für das Gemeinwesen, dessen Infrastruktur Wirtschaft und Profifußball benötigen, um Gewinne abzuwerfen.

Die Manager im FCB-Aufsichtsrat, die sich über Hoeneß’ Steuerbetrug hinwegsetzten, hatten für diesen Missstand keinen Blick. Dabei standen und stehen sie an der Spitze großer Aktiengesellschaften – bei der Telekom, bei der UniCredit Gruppe, bei der Allianz und drei weiteren Unternehmen, die mit ihren Führungskräften kürzlich erneut von sich Reden machten: Winterkorn von VW, Stadler von der VW-Tochter Audi und Hainer von Adidas.

Über den Betrug hinweggesetzt

Diese drei Unternehmensführer verbindet nicht nur die Missachtung der Compliance-Regeln im Aufsichtsrat des FCB. Auch ihre Unternehmen haben große Probleme, sich mit den Regeln guter Unternehmensführung zu arrangieren.

Adidas wird stets genannt, wenn es um die Machenschaften bei FIFA, UEFA und DFB geht. Der korruptionsverdächtige und inzwischen gesperrte FIFA-Chef Blatter kam mit Protektion von Adidas zur FIFA. Der Vorgänger des derzeitigen Adidas-Vorstandschefs Hainer, Robert Louis-Dreyfus, stand am Anfang des Hoeneß- und des DFB-Skandals.

VW betrog unter Winterkorn Kunden, Kontrollbehörden und den Staat. Der Betrug wird das Unternehmen viele Milliarden kosten. Er beschädigt sein Ansehen und schädigt den Ruf und die Interessen der deutschen Wirtschaft. Beteiligt ist auch die VW-Tochter Audi. Mutter und Tochter sponsern den Profifußball – nicht nur an ihren Standorten Wolfsburg und Ingolstadt. Wie Adidas und die Allianz ist auch Audi am FCB beteiligt.

Mit Füßen getreten

Warum sich die Manager diese Blöße gaben und im FCB-Aufsichtsrat die Compliance-Regeln missachteten, ist noch nicht geklärt. Der Skandal um das Sommermärchen legt die Vermutung nahe, sie oder ihre Unternehmen könnten in ihn verstrickt sein. Das Augenmerk richtet sich vor allem auf Adidas. Dessen früherer Chef Louis-Dreyfus gab nicht nur Beckerbauer Millionen für das Sommermärchen, sondern auch Hoeneß Millionen für Börsenspekulationen. Welchem Zweck dessen Gewinne und Verluste dienten, ist auch noch nicht geklärt.

Bekannt ist dagegen, dass die Compliance-Regeln im Profifußball mit Füßen getreten werden. In den Verbandszentralen finden wie bei der Mafia Razzien statt. Gegen Fußballfunktionäre wird wegen Korruption ermittelt. Die falsche Steuererklärung des DFB weckt Erinnerungen an den Mafiaboss Al Capone, der nicht über seine Kapitalverbrechen, sondern über falsche Steuerangaben zu Fall kam.

Im Profifußball läuft auch anderes falsch. Der Einfluss der Spielervermittler auf die Mannschaften bleibt intransparent. Handgelder werden am Finanzamt vorbei gezahlt. Gewalttätige Banden, Extremisten und die Wettmafia treiben im Fußball ihr Unwesen. Korrupte Schiedsrichter und Spieler verkaufen Spiele. Dass sich der Profifußball nicht an die Regeln guter Unternehmensführung hält, tut seiner Faszination jedoch keinen Abbruch.

Absurde Lage

Der Fall Hoeneß zeigt, dass im Fußball und in der Wirtschaft die Regeln guter Unternehmensführung als lästige Fessel empfunden werden, die den Handlungsspielraum der Manager einschränkt und Umsatz und Gewinn schmälert. Dass der VW-Konzern mit den Regeln Problemen hat, verwundert nach Winterkorns Verhalten im FCB-Aufsichtsrat nicht.

Die Kultur, die im VW-Konzern herrscht, ist offenbar noch katastrophaler, als die Korruptionsaffäre von 2005 vermuten ließ. Selbst wenn sich der Wirtschaftselite der Sinn der Compliance-Regeln nicht erschließt: Die Folgen der Regelbrüche für die Unternehmen sollten die Manager doch schon ins Grübeln bringen.

VW ist kein Einzelfall. Wohin dieser lockere Umgang mit den Compliance-Regeln führt, ist auch bei der Deutschen Bank zu bestaunen. Sie und VW haben Manager entlassen, die das Unternehmen mit der Missachtung der Compliance-Regeln in eine absurde Lage brachten: Beide Unternehmen müssen einen Großteil ihrer Gewinne opfern, um Gesetzesverstöße zu heilen, mit denen sie die Gewinne erzielten. – Ulrich Horn


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9 Kommentare zu “Führungsspitzen ohne Anstand”

  1. […] Debatte: Empathie reicht nicht!…Novo Argumente Debatte: Führungsspitzen ohne Anstand…Post von Horn Debatte: Was Beate Zschäpe mit ihrer Aussage wirklich bezwecken will…Welt […]

  2. grafiksammler sagt:

    Guten Morgen Herr Horn,

    Ihre Kritik ist richtig. Allerdings sollte diese ein das grundlegende, umfasserende Szenario eingebettet werden. Nicht nur die Wirtschaft agiert in weiten Teilen unmoralisch, die etablierten Parteien und westlichen Regierungen sind genau so betroffen. Die 4. Gewalt beeilt sich, Industrie und Politik noch in den Schatten zu stellen.

    Mit einem Wort: Unser westliches, christliches (?) Wertesystem steht zur Disposition.

  3. dr.pingel sagt:

    Wir haben es hier im großen Stil mit einer neofeudalistischen Weltordnung zu tun, die es möglich macht, dass die sog. Elite über dem Gesetz steht. Auch die Einkünfte dieser Elite sieht diese nicht als Aufforderung an, der Allgemeinheit zu nutzen, sondern als z.T. leistungsloses Einkommen, das ihnen qua Status zu steht.

  4. A. Weisshaupt sagt:

    nur eine Bemerkung zur Korruptionskultur in Deutschland: Der „100.000-DM-Mann“ führt das Bundesministerium der Finanzen seit 2009; ein Mann, der das Vertrauen der Kanzlerin besitzt, weil er das Maul hält, wenn ihm ein dahergelaufener Waffenschieber eine Menge Geld in die Kaffeekasse der ehrenwerten CDU drückt. Und genau dieser Mann repräsentiert die Finanzpolitik der BRD-AG in der ungewählten EU.
    Noch Fragen?

  5. cashca sagt:

    Wo man hinschaut Dekadenz, Lüge, Betrug und Korruption. Unsere Gesellschaft ist keine Wertegemeinschaft mehr, sondern eine Betrugs- und Kriminellengemeinschaft. Alle zusammen tanzen den Kriminaltango bis zum Untergang. Möge dieser kommen und dieses verkommene Pack hinwegfegen. Gleichzeitig werden sie nicht müde, immer und überall, in der ganzen Welt, Moral, Anstand, Aufrichtigkeit, Werte und Menschenrechte zu verkünden und zu fordern. Nicht betrogen zu werden, ist auch ein Menschenrecht. Auch Europa, das sich als Wertegemeinschaft vorstellt, ist ein krimineller Verein geworden. Sie unterstützen und dulden das Treiben dieser Menschen. Sogar den caritativen Vereinen kann man nicht mehr trauen. Auch hier blüht die Dekadenz und die Verbandelung mit dubiosen Geschäftemachern. Geld stinkt nun mal nicht. Alles Wölfe im Schafspelz. Leute, hört auf zu spenden, daran bereichern sich nur noch die Gauner dieser Welt. Keinen Euro mehr. Helft vor Ort, wo ihr seht, wo Not ist und wo es dem zukommt, der es wirklich braucht.

  6. Roland Appel sagt:

    Und er fühlt sich inzwischen bemüßigt, am Stuhl der Kanzlerin zu sägen: http://tutt-news.de/2015/11/09/schaeuble-das-imperium-schlaegt-zurueck/
    Eine Kontrolle durch die Medien findet nicht mehr statt, weil auch bei diesen die Verhältnisse ins Rutschen gekommen sind. Phoenix macht mit 35 Mio.€ ein super informatives Programm. ARD und ZDF dagegen machen mit 8 Mrd.€ ein Programm, in dem kritische Magazine wie Monitor, Panorama um die hälfte gekürzt und ins Sendezeitnirwana abgeschoben worden sind, die Tagesschau verweist, immer, wenn’s kompliziert wird, auf ihre Homepage, statt Themen zu erklären, Dinge, die alle Bürger angehen wie TTIP, kommen kaum vor, eine Demo dagegen mit 250.000 wird als 20 sek. Randnotiz erwähnt, während 2.000 Idioten der AfD-Demo 2 Minuten 30 Sendezeit bekommen – plus Kommentar…Bundestags-Originaltöne gibt es nur auf Phoenix, dafür jede Menge Scheinpolitik der Talkshows. Engagierter Journalismus findet insbesondere im Fernsehen kaum noch statt, weil die freien Journalisten finanziell geknebelt werden, sobald aber die Jauchs, Wills, Maischbegers und Plasbergs Quote machen, sind wieder Millionensummen für deren flugs gegründete Produktionsfirmen am Start. Und „König“ Fußball, der orgiastisch mit Heldenepos-Vorspann und unendlich langweiligen stundenlangen Vor- und Nachblahblahs selbsternannter „Experten“ jede sinnvollen Information aus den Gehirnen der Zuschauer verdrängt, die die Menschen eingentlich substanziell betreffen, dominiert inzwischen die Öffentlich-rechtlichen, wo er eigentlich nichts zu suchen hat. Alles der Unterhaltung, alles dem Profit. Compliance? Ich bitte Sie, Herr Horn – Greenwashing ist angesagt in Zeiten des global entfesselten Neoliberalismus, und davon nehme ich uns Grüne nicht aus. Warum muss der Kollege Joschka für BMW Reklame fahren?

  7. Hartwig Kümmerle sagt:

    Sehr schön! Wenn nun auch noch jeder sofort verstünde, was compliance bedeutet, wäre das ganz toll, die Befolgung von ethischen Regeln nämlich. Das Spiel geht aber ganz anders. Alle Führer, egal ob in der Wirtschaft, dazu zählt auch der Fußball, oder Politik oder sonstwo, spielen ihr Spiel nach ihren eigenen Regeln + ändern diese ganz nach Geschmack + alle anderen machen es Ihnen nach. Was zählt, ist der Erfolg, die Macht um jeden, wirklich jeden Preis.

  8. Roland Mitschke sagt:

    Lieber Ulrich Horn,
    es hätte mir etwas gefehlt, wenn in Deiner Kommentierung Deine besondere Nähe zum FCB nicht zum Ausdruck gekommen wäre.
    Die Medien und alle „Gutmenschen“ haben einen neuen Skandal.
    Die FIFA-Regeln werden nicht im Deutschen Bundestag abgestimmt. Stellen wir uns vor, die vom Sommermärchen begeisterten Deutschen hätten darüber abgestimmt, ob wir mit 6,7 Mio. € etwas zur Unterstützung der deutschen Bewerbung tun sollten. Wie wäre wohl das Ergebnis gewesen?

    • Ulrich Horn sagt:

      Selbst wenn die Bürger mit absoluter Mehrheit oder sogar einstimmig beschlössen, Diebstahl, Betrug, Steuerbetrug und Korruption dürften praktiziert werden, damit sie kräftig feiern könnten, blieben diese Taten doch verwerflich und unanständig. Stellen wir uns einmal vor, Moses hätte das Volk Israel vor seinem Tanz um das goldene Kalb über die zehn Gebote abstimmen lassen. Wie wäre wohl das Ergebnis gewesen? Moses war das klar. Deshalb hat er die Abstimmung wohlweislich unterlassen.

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