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Nebenbei

  • Steinmeier und Yücel

    In der Türkei sitzen viele Dutzend Journalisten im Gefängnis. Unter ihnen befindet sich auch Deniz Yücel, Er ist türkischer und deutscher Staatsbürger. Bundespräsident Steinmeier hat seine erste Rede für einen Appell an den türkischen Präsidenten Erdogan genutzt. „Geben Sie Deniz Yücel frei!“ Eine selbstverständliche und dennoch bemerkenswerte Forderung. Die meisten Bundespräsidenten hielten sich aus der Tagespolitik heraus. Dass Steinmeier anders verfährt, hat ihn viel Lob eingebracht. Es hieß, er sei ein Präsident mit Biss, ein Mann, der klare Kante zeigt. Wem nutzt dieser Auftritt? Zunächst ihm selbst. Die positive Resonanz ermuntert ihn, dem eingeschlagenen Weg zu folgen. Risikolos ist er nicht. Er kann ihn über die Grenze hinausführen, von der an er zum Richter über die Politik der Regierung wird. Genützt hat Steinmeiers Auftritt auch jenen Bürgern, denen er aus dem Herzen sprach. Sie können sich verstanden fühlen. Nützt Steinmeiers Auftritt aber auch Yücel? Erdogan wird wohl den Teufel tun und ihn freilassen. Mit Steinmeiers Appell ist der Fall zur Prestigefrage geworden. Gäbe Erdogan nach, würde er in den Augen seiner Anhänger Schwäche zeigen. Er hätte sich deutschem Druck gebeugt und eingestanden, dass Yücel unrechtmäßig festgehalten wurde. Erdogan verlöre sein Gesicht. Je heftiger er öffentlich bedrängt wird, desto länger wird er Yücel festhalten. Der Journalist wird vermutlich erst freikommen, wenn gewährleistet ist, dass Erdogan sein Gesicht behält. Für Yücel aussichtsreicher wäre es wohl, statt mit öffentlichen Appellen auf diplomatischem Wege Druck auszuüben. Erdogan wird das Gefängnistor erst öffnen, wenn es für ihn teurer wird, Yücel gefangen zu halten als ihn freizulassen. – Ulrich Horn

Nach dem Steuerbetrug nun ein Kundenbetrug

Erst Hoeneß, jetzt Winterkorn

Dienstag, 22. September 2015

Politik

Im Frühjahr wollte der damalige Chef des VW-Aufsichtsrates, Ferdinand Piëch, den VW-Vorstandschef Winterkorn absägen. Der Versuch schlug fehl. Niedersachsens SPD-Ministerpräsident Weil, die IG Metall und der unternehmerisch schwache Teil der Porsche-Familie übernahmen bei VW das Ruder. Sie stärkten Winterkorn, weil sie sich von ihm Arbeitsplätze versprachen, und drängten den sperrigen Piëch aufs Altenteil – eine grandiose Fehlentscheidung.

Luft- und Lachnummer

Heute, ein halbes Jahr später, schauen Niedersachsens SPD und die IG Metall dumm aus der Wäsche. Winterkorn und VW sind weltweit diskreditiert. VW hat in den USA Abgastests manipuliert. Der Kundenbetrug kann den Konzern 18 Milliarden Dollar kosten. Die Aktionäre verloren am Montag bereits 17 Milliarden Euro.

Ähnliche Manipulationen in anderen Ländern werden nicht ausgeschlossen. Es könnten weitere Strafzahlungen folgen. In den USA hat VW ohnehin mit sinkenden Absatzzahlen zu kämpfen. Die nachhaltige Schwäche des VW-Konzerns auf dem US-Markt war einer der Gründe, warum Piëch Winterkorn loswerden wollte.

Der Skandal beschädigt nicht nur VW. Auch andere deutsche Autoproduzenten befürchten Rufschaden und Umsatzeinbußen. Die schmierige Angelegenheit könnte sich sogar zum Schaden für die ganze deutsche Wirtschaft ausweiten. VW macht das „Made in Germany“ und alle Bemühungen um den Umweltschutz und das Klima zur Luft- und Lachnummer.

Größtmögliche Dramatik

Die betrügerischen VW-Tests fallen in den Arbeitsbereich von Winterkorn. Der riesige Betrug fand unter seiner Aufsicht statt. Ob er um ihn wusste oder nicht, ist im Grunde unerheblich. Winterkorn ist wohl nicht mehr zu halten.

Der Skandal schwelt in den USA seit 2014. Er wurde nun punktgenau eine Woche vor der Sitzung des VW-Aufsichtsrates am kommenden Freitag publik, so als hätte ein Regisseur die größtmögliche Dramatik erzielen wollen. Wer hätte wohl das Zeug dazu?

Bei der Aufsichtsratssitzung am Freitag wollen die heimlichen Konzernlenker aus der SPD und der IG Metall Winterkorns Vertrag um zwei Jahre verlängern. Ob sich die Tagesordnung des Aufsichtsrates noch halten lässt? Geplant ist, dass Winterkorn den Umbau des Konterns begleiten und darauf achten soll, dass keine Stellen verloren gehen.

Die Regeln guter Unternehmensführung

Dieser Plan droht nun fehlzuschlagen. Ausgerechnet der vermeintliche Stellengarant bringt Arbeitsplätze in Gefahr. Während sich die Autobranche gegen Angriffe der Internet-Konzerne wappnet und um ihre Zukunft kämpft, droht der VW-Konzern viele Milliarden zu verlieren, die er für den Strukturwandel gut gebrauchen könnte.

Winterkorn gegen Piëchs Votum im Amt zu halten, war ein kapitaler Fehler, der dem Unternehmen geschadet hat. Diejenigen, die Winterkorn im Frühjahr trugen, haben sich disqualifiziert. Sollten sie ihm nun erneut den Rücken stärken, würden sie sich lächerlich machen und dem Unternehmen noch mehr schaden.

Ob Winterkorn schnell geht? Sicher kann man da nicht sein. Der geständige Steuerbetrüger Hoeneß leitete den Aufsichtsrat des FC Bayern gegen alle Regeln guter Unternehmensführung noch über Monate, weil ihn die Mitglieder dieses Gremiums, darunter auch Winterkorn, im Amt hielten.

Piëch fragen

Nicht auszuschließen, dass sich der Fall Hoeneß stilbildend auswirkt und der am besten bezahlte deutsche Vorstandschef trotz des Kundenbetrugs, den er zu verantworten hat, vorerst im Amt bleibt. Eine Ausrede ließe sich leicht finden. Es muss schließlich ein fähiger Nachfolger gesucht werden.

Sollte der Aufsichtsrat Mühe haben, jemanden zu finden, der geeignet ist: Es könnte sich auszahlen, Ferdinand Piëch um einen Personaltipp zu bitten. – Ulrich Horn


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10 Kommentare zu “Erst Hoeneß, jetzt Winterkorn”

  1. Roland Appel sagt:

    Winterkorn und Hoeness – beides Betrüger aus Bräsigkeit? Die Fälle sind nicht vergleichbar, weil die ökonomischen Rahmenbedingungen zu weit auseinanderfallen. Während Hoeneß sich in einer korrupten Welt des Sportkapitalismus, in der nichts so zählt, wie a) Verbindungen und b) die Entschlossenheit, den Sport für finanzielle Spekulationen zu nutzen, handelt es sich beim Fall Winterkorn um Kartelle und Physik. Um den amerikanischen Fahrzeugmarkt vor den kraftstoffsparenden Diesel-PKW aus Europa zu schützen, dachte man sich in den USA Grenzwerte für Stickoxide aus, die überwiegend nur durch ein „Pinkeln in den Tank“ – aufwendige Technik, dem Zusatz von Harnstoff als Kalysator zur Bindung der Stickoxidmoleküle, wie es die LKW-Flotten auch in Europa nutzen, realisieren lassen. Die nun aufgeflogenen Manipulationen der Messtechnik geschahen vermutlich, um die EU-PKW gegen die auf reine Benzin- und Supertechnik ausgerichteten US-Fahrzeuge positiv zu positionieren. Daimler etwa setzt das aus den LKW bekannte Verfahren in USA bei wenigen Großlimousinen und SUVs ein. Es verkompliziert den Tankvorgang und bildet – alle paar Tausend KM oder Meilen einen mehr unbequemen als teuren Kostenfaktor. Alle europäischen Premiumhersteller haben in den letzten Jahren für den US-Markt Lösungen angeboten, die diesen Harnstoffzusatz zu vermeiden suchten. In vielen Fällen, wie bei VW, ging es dabei um die Umgehung der für alle geltenden Physik. Es könnte also sein, dass nicht nur VW die Gesetze der Physik, sagen wir, ausgedehnt hat, sondern auch andere Premiummarken wie Audi, BMW oder Mercedes. Dann aber wäre der Schaden kaum absehbar und kein Problem Winterkorn mehr. Wir wollens nicht hoffen.

  2. Peter I. sagt:

    Es gibt so einige Merkwürdigkeiten, die einen nachdenklich stimmen. Mehr oder weniger ist es unter vorgehaltener Hand bereits seit Langem klar, dass in diesem Markt nach Herzenslaune getrickst wird. Hierzu erschien gestern auf den Nachdenkseiten ein interessanter Beitrag:
    http://www.nachdenkseiten.de/?p=27635&output=pdf
    Man sollte und kann aber auch sicherlich die wirtschaftlichen Interessen der US-Industrie nicht leugnen. Von geostrategischen Interessen ganz zu schweigen. Der Motor unserer Exportindustrie ist die Autoindustrie. Würde diese durch diese Enthüllungen nachhaltig geschwächt werden, würde dadurch ein enormer Schaden für die deutsche Wirtschaft entstehen. Hinzu kommt die Flüchtlingswelle, deren Ausmaß immer noch nicht absehbar ist und unabhängig von der gesamten Situation in Europa ebenfalls zu einer Schwächung des Kontinents führen dürfte.
    Es kommt derzeit so einiges auf einen Schlag zusammen. Ein Schalk, der dabei Böses denkt.

  3. Martin Böttger sagt:

    Auf jeden Fall wird jetzt verständlicher, warum der VFL Wolfsburg Kevin de Bruyne verkaufen musste. S04 könnte absehbar vielleicht Draxler wieder zurück bekommen. Aber die (Tönnies-Prozess) sind ja selber klamm. Die Wolfsburger Spieler kämpfen also heute Abend nicht um einen Sieg (= Nebensache), sondern um ein baldiges Vertragsangebot des FC Bayern (= Hauptsache). Vielleicht wird es aber nur ihr Trainer Hecking sein, der wirklich eins bekommt. Auf jeden Fall, das zu Hoeness, war seine und seiner Bande Prozess-Strategie, die schwarzen Kassen in ihrer Substanz zu retten, erfolgreich. Auch dafür: Danke, Winterkorn!

  4. tre sagt:

    Der Vergleich im Titel kann bestenfalls als Irreführung bezeichnet werden, wenn nicht sogar als Verleumdung. Hoeneß ist ganz klar ein Verbrecher, Winterkorn dagegen nicht.

    Und dazu hat er höchstwahrscheinlich keine Ahnung von der Sache gehabt, da dies alles in der Entwicklung (ca. 4-5 Ebenen darunter) passiert und das Jahre vor der Serieneinführung.

    • Benno Lensdorf sagt:

      Natürlich, die Kenntnis über den Betrug muss Herrn Winterkorn erst einmal nachgewiesen werden. Allerdings ist er der absolute Technik-Freak immer schon gewesen… Aber, selbst wenn er es nicht wusste ( was bezweifelt werden darf..) muss er als Vorstands-Boss des Konzerns die politische Verantwortung übernehmen, denn dann hat er seinen „Laden“ nicht im Griff.

  5. Benno Lensdorf sagt:

    Also, ob man den Fall „Hoenes“ mit „Winterkorn“ vergleichen kann, da habe ich erhebliche Zweifel. Beide haben eines gemeinsam: Betrug in großem Stile und unehrenhaftes Verhalten.
    Hoenes für sich und seine Familie – Winterkorn für Tausende von Mitarbeitern. Letzteres ist deshalb für mich verwerflicher, weil er seine Mitarbeiter eines Codex unterschreiben lässt, der bei Bruch zum Rausschmiss führt. Wie verhält er sich jetzt..??? Er müsste sofort den „Hut“ nehmen!!!
    Leid tun mir nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch alle VW-Händler, die nun auf ihren Fahrzeugen „sitzen“ bleiben und das wirtschaftliche Desaster persönlich tragen müssen.
    Zuletzt:
    Wusste evtl. Piéch von diesem Betrug und wollte ihn deshalb weghaben…konnte es aber nicht sagen??
    Wie auch immer: „Made in Germany“ und Deutschland hat eine immense Rufschädigung erfahren. Fehlt nur noch, dass auch andere Hersteller ähnlich betrogen haben…
    Wo sind die Vorbilder in der Gesellschaft unseres Landes?

  6. dr.pingel sagt:

    Benno Lensdorf sagt: Fehlt nur noch, dass auch andere Hersteller ähnlich betrogen haben.
    Haben sie. SCHIENENKARTELL!

  7. Roland Appel sagt:

    Bei aller berechtigten Kritik an VW darf nicht vergessen werden, dass sich die EU in einem kalten Wirtschaftskrieg mit den USA befindet. Mit Facebook, Google, Apple und Microsoft mit Windows 10 wollen sich US-Konzerne unsere Daten und informationen illegal aneignen und damit Kapital und Wirtschaftsmacht bilden oder ausbauen. Sollte TTIP verwirklicht werden, wird eine US-Anwaltindustrie Europa mit Pozessen über angeblich entgangene Gewinne überziehen, weil wir Umwelt- und Verbaucherschutzstandard haben, die z.B. Gentechnologie- und Chemiekonzernen ihre Geschäftsmodelle und Produkte untersagen. Es ist ein immer neu inszeniertes Spiel zwischen Regulierung und Freihandel versus Hegemonie oder Kartell. Mit freier Wirtschaft und vor allem Chancen für kleine und mittlere Unternehmen, die das Rückgrat unserer Wirtschaft bilden, hat das alles nichts zu tun.

  8. Wolfgang Albrecht sagt:

    Volkswagen sucht keine Facharbeiter mehr! Der Schaden nimmt volkswirtschaftliche Dimensionen an! Nach den Bankencrash nun ein fundamentales Versagen einer Schlüsselindustrie! Das Abhandenkommen von Moral zieht sich durch unsere Gesellschaft. Europa wird nicht nur von Flüchtlingen unkontrolliert bedrängt, sondern muss auch die Implosion seiner eignen Industrie erleben! Die Lösungenversuche beider Problemstellungen ähneln sich in ihren chaotischen Ansätzen von Hilflosigkeit! Die Herren Hoeneß und Winterkorn haben vielleicht doch Zeit, gemeinsam an dem Buch zu arbeiten:“Mein Leben danach“, es wäre nicht das erste geschichtsträchtige Buch, welches in einer Zelle entstanden wäre, man denke an Karl May …

  9. Beate sagt:

    Die USA haben die Emissionsgrenzwerte für Dieselmotoren so niedrig gesetzt, um Diesel zugunsten der besseren Alternative Elektrofahrzeug von den Märkten zu verdrängen. Eine kluge Umweltpolitik. Man sollte jetzt so ehrlich auf beiden Seiten sein und die Verhandlungen um TTIP sofort beenden. Wäre TTIP in Kraft gewesen, hätte VW den amerikanischen Staat auf Schadensersatz verklagen können. Diesel sind umweltschädlich. VW hat sich geweigert, in umweltfreundlichere Technologie zu investieren. Ein schwerer Managementfehler einer überalterten Führungsschicht.

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