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Nebenbei

  • Steinmeier und Yücel

    In der Türkei sitzen viele Dutzend Journalisten im Gefängnis. Unter ihnen befindet sich auch Deniz Yücel, Er ist türkischer und deutscher Staatsbürger. Bundespräsident Steinmeier hat seine erste Rede für einen Appell an den türkischen Präsidenten Erdogan genutzt. „Geben Sie Deniz Yücel frei!“ Eine selbstverständliche und dennoch bemerkenswerte Forderung. Die meisten Bundespräsidenten hielten sich aus der Tagespolitik heraus. Dass Steinmeier anders verfährt, hat ihn viel Lob eingebracht. Es hieß, er sei ein Präsident mit Biss, ein Mann, der klare Kante zeigt. Wem nutzt dieser Auftritt? Zunächst ihm selbst. Die positive Resonanz ermuntert ihn, dem eingeschlagenen Weg zu folgen. Risikolos ist er nicht. Er kann ihn über die Grenze hinausführen, von der an er zum Richter über die Politik der Regierung wird. Genützt hat Steinmeiers Auftritt auch jenen Bürgern, denen er aus dem Herzen sprach. Sie können sich verstanden fühlen. Nützt Steinmeiers Auftritt aber auch Yücel? Erdogan wird wohl den Teufel tun und ihn freilassen. Mit Steinmeiers Appell ist der Fall zur Prestigefrage geworden. Gäbe Erdogan nach, würde er in den Augen seiner Anhänger Schwäche zeigen. Er hätte sich deutschem Druck gebeugt und eingestanden, dass Yücel unrechtmäßig festgehalten wurde. Erdogan verlöre sein Gesicht. Je heftiger er öffentlich bedrängt wird, desto länger wird er Yücel festhalten. Der Journalist wird vermutlich erst freikommen, wenn gewährleistet ist, dass Erdogan sein Gesicht behält. Für Yücel aussichtsreicher wäre es wohl, statt mit öffentlichen Appellen auf diplomatischem Wege Druck auszuüben. Erdogan wird das Gefängnistor erst öffnen, wenn es für ihn teurer wird, Yücel gefangen zu halten als ihn freizulassen. – Ulrich Horn

Steinbrück und der Ethik-Kodex der Wirtschaft

Zum Fall Hoeneß jede Menge heiße Luft

Sonntag, 18. August 2013

Politik

(uh) Das Thema NSA scheint ausgelutscht. Es droht, der SPD auf die Füße zu fallen. Nun wendet sich ihr Kanzlerkandidat Steinbrück einem neuen Thema zu. Er verlangt von Bayern-Präsident Hoeneß, der sich als Steuerbetrüger entlarvte, er solle sein Amt ruhen lassen. Dieser Forderung kann man sich anschließen. Sie wird Steinbrück und der SPD nicht nur Freunde bringen und Freude bereiten. Viele Hoeneß-Fans folgen eigenen Regeln.

Unethisch und verwerflich

Dass sich Steinbrück im Wahlkampf überhaupt mit Fußball befasst, überrascht. Erwartet Deutschland, dass sich der Kanzlerkandidat über den Präsidenten und Aufsichtsratschef eines Fußballclubs den Kopf zerbricht? Eher nicht. Schon gar nicht, wenn der Kanzlerkandidat wie Steinbrück im Aufsichtsrat des schärfsten Liga-Konkurrenten Borussia Dortmund sitzt.

Wenn es Steinbrück schon drängt, sich zum Fall Hoeneß zu äußern: Mutiger und angemessener wäre es, er nähme sich den Bayern-Aufsichtsrat ohne diplomatische Verrenkungen im Klartext direkt zur Brust, namentlich die Vorstandschefs von VW, Audi, Telekom und Adidas, so von Aufsichtsrat zu Aufsichtsrat. Er könnte sie daran erinnern, dass sie unethisch handeln, weil sie einen Steuerbetrüger an der Spitze des Bayern-Aufsichtsrates dulden. Die Manager dürften sich über persönliche Kritik nicht einmal beschweren. Sie müssten wissen, dass ihr Verhalten verwerflich ist. Doch sie ändern es nicht.

Kodex gegen Vertrauensverlust

Dabei hat die Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) ein „Leitbild für verantwortliches Handeln in der Wirtschaft“ verfasst, mit dem sich Unternehmer und Manager zu ethischem Handeln verpflichten. „Die Wirtschaft braucht die Zustimmung der Menschen. Als Unternehmer und Manager nehmen wir jedoch wahr, dass die Menschen gegenwärtig nur eingeschränktes Vertrauen in unser Handeln haben.“ Mit ihrem Leitbild will die BDA dem Vorwurf begegnen, die Wirtschaft bekämpfe Regelverletzungen in den eigenen Reihen nicht ausreichend. Und so heißt es in dem Kodex:

„Verantwortliche Unternehmensführung bedeutet, gemäß nationalen und internationalen Regeln zu handeln sowie Verstößen entschieden entgegenzutreten und sie zu ahnden. Der Rechtstaat und der Ordnungsrahmen der Sozialen Marktwirtschaft sind das Fundament erfolgreichen Wirtschaftens in Deutschland. Die Tragfähigkeit dieses Fundaments hängt maßgeblich von der Zustimmung in der Gesellschaft ab. Wer zulässt, dass Unternehmen oder ihre Entscheider sich ungestraft den geltenden Regeln entziehen, kann kein Vertrauen der Bürger erwarten. Daher werden wir Regelverletzungen entschieden entgegentreten und sie ahnden. Von eindeutigem Fehlverhalten in den eigenen Reihen werden wir uns klar und sichtbar distanzieren.“

Eine Frage des Charakters

Nach diesem Kodex haben die Konzern-Manager im Bayern-Aufsichtsrat gar keine Wahl, als Hoeneß aus dem Aufsichtsrat zu entfernen. Der Bayern-Boss ist zwar nicht verurteilt und auch (noch) nicht angeklagt. Unabhängig davon hat er jedoch den Steuerbetrug öffentlich gestanden. Die Behauptung, es gelte, eine Vorverurteilung zu verhindern, geht ins Leere. Hoeneß hat sich selbst bezichtigt. Er verstieß nicht nur gegen Regeln. Er brach das Gesetz.

Im BDA-Leitbild heißt es: „Wer zulässt, dass Unternehmen oder ihre Entscheider sich ungestraft den geltenden Regeln entziehen, kann kein Vertrauen der Bürger erwarten. Daher werden wir Regelverletzungen entschieden entgegentreten und sie ahnden.“ Im Fall Hoeneß kann davon nicht die Rede sein. Da erweist sich der BDA-Kodex bisher nur als heiße Luft.

Dass Hoeneß selbst keine Konsequenzen zieht, überrascht nicht. Mit dem Steuerbetrug beanspruchte er gegenüber rechtstreuen Bürgern eine Sonderstellung. Nun nimmt er sie auch bei der Sanktion seines Rechtsbruchs in Anspruch. Das verwundert nicht. Es handelt sich um eine Frage des Charakters.

Skandalös ist, dass diejenigen, die dazu bestellt sind, solch ein Fehlverhalten wie das von Hoeneß zu ahnden, es mit dem Hinweis auf dessen Verdienste sanktionieren. In dieser Logik könnten Aufsichtsräte auch nachsehen, dass jemand in die Firmenkasse greift, eine Bank überfällt oder Schmiergeld annimmt, wenn er nur viel für das Unternehmen getan und viel für wohltätige Zwecke gespendet hat.

Bis auf die Knochen blamiert

Das BDA-Leitbild gestattet es Aufsichtsräten eben nicht, wegzuschauen. Es verlangt Sanktionen. Unterbleiben sie, machen sich Aufsichtsräte angreifbar, wie jetzt die Bayern-Aufsichtsräte. Es fragt sich, warum Steinbrück die Bayern-Aufsichtsräte nicht stärker in die Verantwortung nimmt. Ihr Verhalten riecht nach Kumpanei. Warum ruft Steinbrück die Wirtschaft nicht auf, ihrem Kodex im Bayern-Aufsichtsrat Geltung zu verschaffen? Es fragt sich auch, wann die BDA endlich selbst auf die Idee kommt, die Bayern-Aufsichtsräte an das Leitbild zu erinnern und ihnen nahe zu legen, sich an den Kodex zu halten.

Unterschrieben haben ihn nicht irgendwelche Krauter, sondern prominente Manager und Unternehmer vieler Weltkonzerne, darunter die Chefs von Bertelsmann, Eon, Linde, Henkel, BASF, RWE, Lufthansa, Daimler, SAP, BMW, Bosch und der Deutschen Bank. Unter dem Kodex finden sich sogar die schwungvollen Unterschriften der Chefs von Adidas, VW und Telekom, ebenfalls Weltkonzerne, deren Repräsentanten im Bayern-Aufsichtsrat sitzen und Hoeneß seit vielen Wochen im Amt halten. So fördert man nicht Vertrauen, so weckt man Misstrauen. Man diskreditiert sich selbst und blamiert obendrein die eigene Innung, deren Spitzenvertreter den Kodex unterschrieben, bis auf die Knochen.

Und Hoeneß? Längst wirkt er auf der Bayern-Tribüne entrückt und verloren. Immer, wenn ihm seine Kumpel nach einem Spiel aufmunternd auf die Schulter klopfen, erscheint er ein Stück weit mehr als Mitleid bedürftige Figur. Ein Übeltäter, der nur dank des Fehlverhaltens der Aufsichtsräte geduldet wird, krampfhaft auf der Stelle verharrt und es nicht über sich bringt, seiner Vergangenheit den Rücken zu kehren.


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3 Kommentare zu “Zum Fall Hoeneß jede Menge heiße Luft”

  1. Werner Jurga sagt:

    Steinbrück ist nicht Ulrich Horns Fall. Selbst dann nicht, wenn er seiner Ansicht ist.

  2. Roland Appel sagt:

    Nun wird wieder mal wie bei Berlusconi deutlich, dass mafiöses Verhalten unter den Augen der Öffentlichkeit offensichtlich keine Konsequenzen hat. Wenn Aishe Celik aus Dorsten 300 € aus Referentenhonorar vergisst zu versteuern, trifft sie die volle Härte des Gesetzes. Wenn der Pate Hoeneß jammervoll-selbstmitleidig auf der Tribüne rumlungert, spenden ihm seine speichelleckenden Aufsichtsratskollegen noch Beifall, weil auch sie ja eigentlich wissen, dass sie mal wieder für eine Tätigkeit Geld bekommen, für die sie keinerlei Leistung erbringen oder besser gesagt, das Feigenblatt für mehr oder weniger kriminelle Machenschaften eines „Gspusi“ abgeben. Ob Wolfgang Clement bei den Ausbeutern der Zeitarbeitsbranche oder die oben benannten korrupten Parteigänger des FC Bayern: Berlusconi ist überall!!!

  3. Pottblog sagt:

    Links anne Ruhr (20.08.2013)…

    Duisburg: Gefährlicher Krankheitserreger MRSA: Zu viele Keime in Kliniken? (RP-Online) – Dortmund: Streit um Party-Eskapaden: Lärm am Phoenix-See löst Debatte aus (Ruhr Nachrichten) – Niedergang des Traditionskonzerns: Thysse…

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