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Nebenbei

  • Steinmeier und Yücel

    In der Türkei sitzen viele Dutzend Journalisten im Gefängnis. Unter ihnen befindet sich auch Deniz Yücel, Er ist türkischer und deutscher Staatsbürger. Bundespräsident Steinmeier hat seine erste Rede für einen Appell an den türkischen Präsidenten Erdogan genutzt. „Geben Sie Deniz Yücel frei!“ Eine selbstverständliche und dennoch bemerkenswerte Forderung. Die meisten Bundespräsidenten hielten sich aus der Tagespolitik heraus. Dass Steinmeier anders verfährt, hat ihn viel Lob eingebracht. Es hieß, er sei ein Präsident mit Biss, ein Mann, der klare Kante zeigt. Wem nutzt dieser Auftritt? Zunächst ihm selbst. Die positive Resonanz ermuntert ihn, dem eingeschlagenen Weg zu folgen. Risikolos ist er nicht. Er kann ihn über die Grenze hinausführen, von der an er zum Richter über die Politik der Regierung wird. Genützt hat Steinmeiers Auftritt auch jenen Bürgern, denen er aus dem Herzen sprach. Sie können sich verstanden fühlen. Nützt Steinmeiers Auftritt aber auch Yücel? Erdogan wird wohl den Teufel tun und ihn freilassen. Mit Steinmeiers Appell ist der Fall zur Prestigefrage geworden. Gäbe Erdogan nach, würde er in den Augen seiner Anhänger Schwäche zeigen. Er hätte sich deutschem Druck gebeugt und eingestanden, dass Yücel unrechtmäßig festgehalten wurde. Erdogan verlöre sein Gesicht. Je heftiger er öffentlich bedrängt wird, desto länger wird er Yücel festhalten. Der Journalist wird vermutlich erst freikommen, wenn gewährleistet ist, dass Erdogan sein Gesicht behält. Für Yücel aussichtsreicher wäre es wohl, statt mit öffentlichen Appellen auf diplomatischem Wege Druck auszuüben. Erdogan wird das Gefängnistor erst öffnen, wenn es für ihn teurer wird, Yücel gefangen zu halten als ihn freizulassen. – Ulrich Horn

Aufgelesen … Nr. 69 – 2012

Donnerstag, 13. Dezember 2012

Blog-Tipps

An dieser Stelle finden Sie eine Auswahl interessanter Beiträge aus Blogs. Die Aussagen der Autoren geben nicht in jedem Fall meine Meinung wieder. (uh)

1. Medien

a. Wie der Journalismus sich marginalisiert
Der Bürger darf debattieren – nachdem er gezahlt hat. Nur: Warum sollte er das so wollen? Eintrittsgeld limitiert die Zahl der Disktutanten – und das Weiterreichen der Debattengrundlage, des Artikels, ist auch nicht möglich. Der menschliche Kommunikationsanlass “Hast Du DAS schon gehört?” entfällt somit. Erst recht im Rahmen eines E-Papers, das keine Diskussionsoptionen erlaubt, erst recht keine öffentlichen.
Aus: Indiskretion Nebensache

b. Bochum ist überall

Die Berichterstattung der New York Times, die hier wie so oft besser über Ereignisse in Deutschland berichtet als deutsche Zeitungen, trifft das Problem im Kern. Während sich deutsche Zeitungen gegenseitig dabei übertreffen, den Schwarzen Peter nach Detroit weiterzuschieben, analysieren die US-Medien ziemlich präzise die Ursachen der Krise. Davon könnten sich die deutschen Journalisten eine dicke Scheibe abschneiden.
Aus: NachDenkSeiten

c. Neues zum Leistungsschutzrecht

Der Frage, ob es beim Leistungsschutzrecht für Presseerzeugnisse nicht nur Vettern-, sondern vielleicht sogar Brüderwirtschaft gibt, versucht das Blog netzpolitik.org nachzugehen. Hintergrund ist der Umstand, dass der Staatsminister im Kanzleramt Eckart von Klaeden der Bruder von Dietrich von Klaeden ist, der beim Springer-Verlag die Leitung der Regierungsbeziehungen für Deutschland inne hat und der sich öffentlich – u.a. auf Twitter – für ein Leistungsschutzrecht stark gemacht hat. Diese Konstellation verfügt auch unabhängig vom Leistungsschutzrecht über ein gewisses “Geschmäckle”.
Aus: Internet-Law

d. Paywall bei „Welt Online“

Ich kenne keine lokale oder regionale Publikation, bei der eine Paywall wirklich dauerhaft funktioniert. Die US-Lokalzeitung „Newsday“ hatte zwar 2011 kurzzeitig für Aufsehen gesorgt, als sie über 100.000 digitale Aboverkäufe vermeldete, seitdem hat sich allerdings herausgestellt, dass lediglich 935 davon wirklich bezahlt wurden – der Rest (99,2 Prozent) wurde über Sonderaktionen verschenkt. Paywalls sind massenmediale Phänomene, geeignet für Publikationen, deren Leserschaft so groß ist, sich so stark mit der Marke identifiziert, so regelmäßig die Webseite besucht und so direkt auf Nachrichten aus genau dieser Quelle angewiesen ist, dass sie nicht einfach zur kostenlosen Konkurrenz abwandert oder durch die Löcher in der Paywall hindurchschlüpft.
Aus: The European

2. Politik

Winterberg! Duisburg beschließt Parkgebühr für Lehrer
Wenn wir diese Gebühren auch in Winterberg einführten, könnten sich noch ein paar Euro zur geplanten Fremdenverkehrsabgabe hinzu läppern. Soweit mir bekannt, tragen die Lehrerinnen und Lehrer nichts zu dieser Fremdenverkehrsabgabe bei, obwohl sie vom Tourismus enorm profitieren. Ohne Ski- und Biketourismus kaum Unfälle, Knochenbrüche, Alkoholvergiftungen. Ohne Unfälle kein Krankenhaus in Winterberg. Ohne Krankenhaus kaum Ärztinnen und Ärzte in der Stadt. Ohne Ärzte keine Ärztekinder. Ohne Ärztekinder kein Gymnasium.
Aus: Zoom

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