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Nebenbei

  • Vom Wähler abgewrackt

    Die einstigen Volksparteien bieten ein jämmerliches Bild. Die SPD zerfleischte sich über Jahrzehnte. Sie schrumpfte zur Kleinpartei. Rechtzeitig vor der Bundestagswahl stellte sie sich ruhig. Prompt erhielt sie Aufwind. Die Union zerfleischt sich seit 2015. Sie steigerte das Gemetzel im Wahlkampf sogar. Viele Wähler kehrten ihr erzürnt den Rücken. – Heute warten die dürftigen Reste der Volksparteien darauf, dass ihnen die kleine FDP und die kleinen Grünen zur Macht verhelfen. Union und SPD regierten in 12 der 16 Regierungsjahre Merkels gemeinsam. Beide Gruppierungen haben den Erfolg und den Misserfolg dieser Ära zu verantworten. Beide haben die Mängel verursacht, der in der Pandemie sichtbar wurden. Beide haben sich mehr mit ihren internen Problemen als mit denen des Staates und der Gesellschaft befasst. Dass beide nicht gewohnt sind, sachgerecht zu agieren, zeigte sich in der Pandemie. Dass sie der jeweils anderen Partei vorwerfen, die Modernisierung des Landes verschlafen zu haben, ist lächerlich. Die Wähler sind nicht dumm. Sie wissen: Beide Parteien haben sich durch eigenes Verschulden auf Grund gesetzt. Die Wähler haben begonnen, beide Volksparteien abzuwracken. Der SPD gaben sie bei der Bundestagswahl noch einmal Paddel, der Union nahmen sie die Segel. Doch ohne die Schlepper FDP und Grüne kämen die beiden schrottreifen Dickschiffe nicht mehr vom Fleck. – Ulrich Horn

Die Politik, die Medien und das Amt

Sonntag, 19. Februar 2012

Medien, Politik

(uh) Das Grundgesetz gestattet keine Atempause. Kaum hat Wulff das Amt des Bundespräsidenten niedergelegt, wird der Nachfolger gesucht. In 30 Tagen muss er gewählt sein, schreibt die Verfassung vor. Ob bei der Eile etwas Vernünftiges herauskommt? Man mag es kaum glauben.

Zumindest die Zeitungen, Magazine und Fernsehsender konnten dem Wirbel um Wulff etwas abgewinnen. Er trieb die Auflagen und Quoten der Medien, die ihn in die Pfanne hauten, kräftig in die Höhe. Auch mit der Nachfolge lässt sich womöglich Geld verdienen. Viele Organe arbeiten daran. Manches liest sich, als ginge es um eine Casting-Show.

Dabei täte dem einen oder anderen, der sich in den vergangenen Wochen zum Thema Wulff ausließ, eine Verschnaufpause sicher gut. Auch vielen Lesern und Zuschauern. Kann man es jemandem verübeln, wenn er das Wort Bundespräsident nicht mehr hören und lesen kann?

Viele, die sich über Wulff die Finger wund schrieben und den Mund fusselig redeten, interessierten sich früher kaum für das Staatsoberhaupt. Weil es nur wenig Einfluss auf den Gang der Dinge hat, galt es als zweitrangig. Mit der Wulff-Affäre wurde ihm eine Bedeutung zugeschrieben, die es im politischen Alltag kaum je gewann.

Die meisten Präsidenten fristeten, was ihre Wirkung und Medienpräsens anging, eher ein kümmerliches Dasein. Nur wenigen gelang es, Einfluss auszuüben und Akzente zu setzen, die von der Bevölkerung wahrgenommen wurden. Mancher blieb eher durch seine Wanderfreude, Sangeslust oder Redseligkeit in Erinnerung.

Nun, seit sich Wulff zurückzog, fällt es manchem Journalisten schwer, von ihm abzulassen. Der eine oder andere kann es sich nicht verkneifen, ihm noch ein paar Steinchen hinterher zu werfen. Das liest sich dann so, als verspüre der Autor das Bedürfnis, sich zu rechtfertigen.

Die Berichterstattung über Wulff uferte wohl auch deshalb aus, weil sich mancher Kritiker in ihm wieder erkannte. Nicht nur Wulff ist Schnäppchen-Jäger und darauf aus, prominente und einflussreiche Freunde zu haben.

Auch Journalisten kassieren Rabatte, die für sie erfunden wurden und als „Journalisten-Rabatte“ auf ihre Berufsgruppe zugeschnitten sind, etwa beim Kauf von Autos, bei der Buchung von Flugreisen, Hotelzimmern, Urlaubsreisen. Auch Journalisten nutzen Vorführwagen und lassen sich von Politikern und Unternehmen zu Fußballspielen einladen.

Es ist in der Branche kein Geheimnis, dass mancher Journalist die Nähe zu den Mächtigen und Reichen suchte und fand. Und es genoss und genießt, auf den Sofas dieser so genannten A-Quellen zu sitzen. Mancher ist sogar stolz darauf und sieht darin einen Ausweis journalistischer Qualität. So gesehen wusste mancher Wulff-Kritiker sehr genau, worüber er schrieb und redete.

Die Wulff-Affäre trieb noch andere Blüten. Die viel geschmähte Bild-Zeitung gerierte sich als moralische Instanz und Hort des kritischen Journalismus. Prominente Journalisten seriöser Blätter halfen ihr dabei, indem sie sich zum Zuträger und Zeugen des Blattes gegen Wulff degradierten.

Dabei wirft dessen Konflikt mit Bild auch ein Licht auf die Kumpanei, die zwischen Politikern und Journalisten zu finden ist. Wulff und Bild paktierten jahrelang zum gegenseitigen Nutzen. Wulff wurde erst zur Affäre, als dieser Pakt zerbrach. Nur Einfaltspinsel glauben, dass diese Art Symbiose ein Einzelfall sei.

Die Berichterstattung über Wulff hatte in ihrer Wucht und Inszenierung in manchen Phasen Züge einer Kampagne. Erstaunlich ist, dass Journalisten diesen belegbaren Befund bestreiten. Zum Teil sogar so heftig, dass es nach der berühmten Ruf „Haltet den Dieb“ klingt.

Inzwischen versuchen Journalisten und Politiker, die Scherben zu verwerten, die Wulff hinterlassen hat. Dabei ist zu beobachten, dass die Einhelligkeit zerbröselt, mit der die Medien Wulff zu Leibe rückten.

Nun werden die politischen Lager wieder virulent, etwa bei der spannenden Frage, ob und in welchem Umfang die Wulff-Affäre Bundeskanzlerin Merkel schadet, die nun schon zum zweiten Mal einen Bundespräsidenten verlor, den sie installierte. Nach den Umfragen ging es bisher für sie und die CDU glimpflich ab. Das kann sich aber noch ändern. Die Opposition und ihr nahe Medien arbeiten daran.

Es liegt auf der Hand, dass sich Politik und Medien damit beschäftigen, welche Qualifikation der nächste Bundespräsident haben muss. Da ist dann von einer herausragenden Persönlichkeit die Rede und auch von Glanz und Würde, die sie dem Amt zurückgeben müsse. Ein Missverständnis. Das Amt benötigt weder Glanz noch Würde, sondern einen Menschen, der den Aufgaben des Amtes gewachsen ist.

In den vergangenen Wochen hieß es immer wieder, Wulff habe das Amt beschädigt. Auch das ist ein Missverständnis. Es war das Amt mit seinen Aufgaben, das Wulff als ungeeignet erscheinen ließ und ihn beschädigte. So gesehen schied nicht er aus dem Amt. Es war das Amt, das ihn ausschied.
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siehe auch: Post-von-Horn: Wulffs Nachfolger gesucht (3.1.2012)
 

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2 Kommentare zu “Die Politik, die Medien und das Amt”

  1. Lynn sagt:

    Zitat:

    „Das Grundgesetz gestattet keine Atempause. Kaum hat Wulff das Amt des Bundespräsidenten niedergelegt, wird der Nachfolger gesucht. In 30 Tagen muss er gewählt sein, schreibt die Verfassung vor.“

    Welche Verfassung denn???

    • Ulrich Horn sagt:

      Das Grundgesetz. Art. 54 Abs. 4 Satz 1 GG: Die Bundesversammlung tritt spätestens dreißig Tage vor Ablauf der Amtszeit des Bundespräsidenten, bei vorzeitiger Beendigung spätestens dreißig Tage nach diesem Zeitpunkt zusammen.

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