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Nebenbei

  • Untätig – bei vollen Bezügen

    Die Parteien und ihre Bundestagsabgeordneten tun sich schwer, ihren Daseinszweck zu erfüllen. Sie schaffen es bisher nicht, den Auftrag der Bundeswahl 2017 zu erledigen. Knapp vier Monate nach der Wahl hat Deutschland noch keine Regierung. Sie steht bestenfalls zu Ostern. Bis dahin wird ein Achtel der Legislaturperiode verstrichen sein, aus Sicht der Bürger völlig nutzlos. Bis Ostern werden die 709 Abgeordneten sechs Monate lang Diäten bezogen haben, obwohl sie weitgehend untätig waren. Die 233 Abgeordneten von SPD und FDP haben sogar auf diesen Zustand hingearbeitet, der einem bezahlten Urlaub gleicht. Können Parteimitglieder ernsthaft glauben, die Mehrheit der übrigen Bürger fände dieses Verhalten akzeptabel? Welcher berufstätige Wähler lebt schon in Verhältnissen, in denen sie volle Bezüge ohne entsprechende Gegenleistung empfangen? Diese Frage sollten sich auch die Bundestagsparteien stellen. Sie werden weitgehend aus öffentlichen Mitteln finanziert. Sie bekommen das Geld selbst für die Zeitspanne, in der sie sich weigern, eine Regierung zu bilden und ihre Arbeit zu tun. Müssen sich die Bürger, die den Politikbetrieb mit vielen Millionen Euro unterhalten, von den Abgeordneten und ihren Parteien nicht geprellt fühlen? – Der neue Bundestag sollte sie gesetzlich verpflichten, Regierungen schnell zu bilden. Für die Zeit zwischen der Wahl und der Vereidigung der Regierung sollten die Diäten der Abgeordneten halbiert und ihre Privilegien, die ebenfalls Millionen kosten, gestrichen werden. Die Finanzierung der Parteien sollte um den Betrag gekürzt werden, der ihnen für diesen Zeitraum zustünde, aktuell also um ein Achtel. – Zwei Bemerkungen zum Schluss: Erstens: Wetten, dass eine solche Regelung die Regierungsbildung beschleunigen würde? Zweitens: Wetten, dass eine solche Regelung nie zustande kommen wird? – Ulrich Horn

Ein Maschsee-Kenner hilft dem anderen

Dienstag, 27. Dezember 2011

Politik

(uh) SPD-Chef Gabriel ist stets für Überraschungen gut. Selbst über Weihnachten arbeitet er an seinem Ruf als Tausendsassa. Er plädiert dafür, Bundespräsident Wulff solle trotz aller Fehltritte im Amt bleiben. Deutschland verkrafte es nicht, so kurz nach Köhlers Abgang nun den zweiten Bundespräsidenten durch Rücktritt zu verlieren. Das brächte das Land an den Rand der Staatskrise.

Der überraschende Vorstoß erinnert an Gabriels Kommentar zu den dramatischen SPD-Verlusten bei der Doppelwahl von Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg im März 2011. Dabei brach die SPD massiv ein. Im Stuttgarter Landtag schrumpfte sie zur dritten Kraft. Und was tat er? Er redete die Pleite schön. „Dies ist ein schöner Abend, nicht nur für die Sozialdemokratie, sondern für die Menschen in Deutschland.“

Von ähnlicher Qualität sind auch seine Äußerungen zu Wulff. Offensichtlich glaubt er, Deutschland verkrafte einen diskreditierten Bundespräsidenten leichter als einen, der für sein Versagen die Folgen trägt und zurücktritt.

Während die SPD Niedersachsen und ihre Landtagsfraktion daran arbeiten, Wulff zu stürzen, gibt sich der SPD-Chef scheinbar staatstragend. Sein Vorstoß läuft darauf hinaus, Wulff zur Dauerbelastung für die schwarz-gelbe Koalition zu machen. Denn so viel ist sicher: Die Koalition würde mehr durch Wulffs Verbleib als durch seinen Rücktritt belastet. Bliebe er im Amt, hinge er der Koalition wie ein Klotz am Bein.

Rücktritte schaden der Koalition kaum. Das konnte man bei den Abgängen von Wulff-Vorgänger Köhler und Ex-Minister zu Guttenberg beobachten. Die Union und die Kanzlerin behaupteten ihre Umfragewerte. Nicht die Koalition, sondern die Aussteiger standen beschädigt da.

Merkel wird das im Blick haben. Sie wird alles vermeiden, was nach Königsmord aussieht. Und sie wird darauf setzen, dass Wulff unbedrängt allein die Konsequenzen zieht. Der Zeitpunkt für den Rücktritt könnte der Moment sein, in dem sich abzeichnet, dass sein Privatleben und das seiner Frau noch stärker in den Medien thematisiert werden.

Die Wähler dürften Merkel die Auswahl des falschen Kandidaten für das Präsidentenamt nachsehen. Sie werden denken: Was kann sie schon dafür, dass sich ein Konkurrent wie Wulff als Orgelpfeife ausgibt und als Flachpfeife entlarvt.

Fragwürdig wie der Versuch, Wulff im Amt zu halten, ist auch Gabriels Argument, Fehler von Politikern dürften nicht zwangsläufig zum Rücktritt führen. Sie könnten doch Anreiz zu einer vorbildlichen Amtsführung werden. Schloss Bellevue als Bewährungsanstalt – eine abstruse Vorstellung. Indem Gabriel Wulffs Fehlverhalten von Sanktionen entkoppelt, verharmlost er dessen Fehler.

Wer Fehlverhalten freistellt, erleichtert es und ermuntert dazu. So, wie Wulff die politische Moral beschädigt, untergräbt sie auch Gabriel. Seine Äußerungen laufen darauf hinaus, Politikern Persilscheine auszustellen. Das mag Politikern gefallen. Im Interesse der Wähler und der demokratischen Kultur ist das nicht.

Das dürfte auch Gabriel klar sein. Und so fragt man sich, warum er das tut, was er tut. In Hannover kennt er sich aus. Er saß dort 15 Jahre lang im Landtag. In dieser Zeit war er Fraktionschef und Ministerpräsident, ehe ihn die Wähler in die Opposition schickten und Wulff zu seinem Nachfolger machten. Gabriel weiß, was es mit der Maschsee-Mafia auf sich hat.

Vor diesem Hintergrund könnte man auf die Idee kommen, er baue mit seiner Stützungsaktion Wulff vor – für den nicht unwahrscheinlichen Fall, dass im Maschsee-Sumpf noch andere Spitzenpolitiker zu versinken drohen als der derzeitige Bundespräsident.

PS: Die niedersächsiche SPD-Landtagsfraktion hat ihre Haltung zu Wulff inzwischen ebenfalls überdacht. Ihr Chef Schostok beteuert nun, die Fraktion habe nicht das Ziel, Wulff zu stürzen. Dieser Wandel könnte der Erkenntnis geschuldet sein, dass der SPD in der Bundesversammlung die Mehrheit fehlt,  einen eigenen Kandidaten durchzusetzen. Und dass sich ein Nachfolger für Wulffs aus der CDU positiv für die Union und das Regierungslager auswirken könnte.

 

 

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