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Nebenbei

  • Schröder: Vom Kanzler zum Würstchen

    Wie viele Menschen haben wohl bedauert, dass sie der SPD 1998 ihre Stimme gaben und mit ihr deren Spitzenkandidaten Schröder zum Kanzler machten? Beschweren können sie sich nicht. Er lebte seine Schwächen schon vor seiner Kanzlerschaft hemmungslos öffentlich aus. Bereits damals war das Bild, das er von sich prägte, weniger von seiner Politik als von seinem Verhalten im Umgang mit Parteifreunden und seiner Partei bestimmt. Es stieß ab. Man musste nur hinschauen. Heute kann man sagen: Er hat einen wesentlichen Beitrag zum Verfall der Sitten in der SPD und zum Niedergang der Partei geleistet. Bezeichnend auch, dass er als Kanzler jenen Job kreierte, der ihm nach dem Abschied aus dem Amt den lang ersehnten Wohlstand brachte. Um in dessen Genuss zu kommen, schreckt der Ex-Kanzler nicht davor zurück, dem russischen Diktator Putin zu dienen. Dass ihn die Bild-Zeitung, deren Gunst er als Kanzler suchte, heute als Putins Pudel abbürstet, kommt wohl der Ansicht nahe, die viele Bürger von Schröder haben. Zu den Missständen in Russland, Weißrussland und der Türkei, die in die EU ausstrahlen, hört man von ihm kein Wort. Wohl aber kämpft er darum, dass VW in seinen Betriebskantinen die Currywurst nicht abschafft. Schröder war ein Profiteur sozialdemokratischer Bildungspolitik: Er brachte es vom Kind armer Leute zum Kanzler. Dann machte sich der Kanzler zu Putins Rudel, und nun macht sich Putins Pudel zum Würstchen. Welch eine Laufbahn! – Ulrich Horn

Ein Ende ohne Würde

Dienstag, 30. August 2011

Politik

(uh) Zu den spannendsten Phasen im Leben von Politikern gehört neben dem Aufstieg zu Macht und Einfluss deren Verlust. In dem Maße, in dem Politiker Autorität und Gestaltungsmöglichkeiten einbüßen, tritt ihre Unzulänglichkeit in den Vordergrund. Dann ist das Ende der Karriere erreicht. So, wie jetzt bei Guido Westerwelle.

Fehler und Versäumnisse

Er führte die FDP 2009 mit einem glänzenden Wahlergebnis aus der Opposition in die schwarz-gelbe Koalition. Damals glaubte er wohl noch, ihm stehe eine große Zukunft bevor. Dabei hatte er am Tag nach der Wahl den Zenit schon überschritten. Schonungslos offenbarte sich das Versäumnis, das seinen Abstieg in Gang setzte. Er hatte er es unterlassen, die Partei auf das Regierungsgeschäft vorzubereiten.

Er hatte kein Personalkonzept und kein überzeugendes Führungspersonal für die FDP-Ministerien. Er wählte Ressorts, die der Partei wenig Nutzen brachten. Zudem hatte er die Partei auf ein einziges Thema verengt: Steuersenkungen. Das passte genau so wenig in die Zeit wie der Markenkern der FDP. Die Finanzkrise erzwang riesige staatliche Interventionen. Die FDP, die sich mit der Divise „Privat vor Staat“ profiliert, wirkt in der Finanz- und Schuldenkrise nicht nur hilflos, sondern auch nutzlos.

Westerwelle hätte das Finanzministerium übernehmen müssen, um die FDP ins Zentrum des Geschehens zu rücken. Doch dazu fehlten ihm Sachkunde, Selbstvertrauen und die Bereitschaft, sich einzuarbeiten. Er griff nach dem Außenamt. Der Rollenwechsel vom schrillen Oppositionspolitiker zum staatstragenden Chefdiplomaten misslang jedoch. Der Prestige-Gewinn, der seinen Amtsvorgänger zugute kam, blieb aus, weil er auch als Außenminister auftrat wie ein Oppositionspolitiker.

Das Steuergeschenk für Hoteliers beschädigte die Partei. Mit seinen ersten Auslandsreisen erweckte er den Eindruck, er verhelfe Freunden und FDP-Förderern zu geschäftlichen Vorteilen. Er stürzte in den Umfragen ab, und mit ihm die Partei. Schon bald war klar, dass er der FDP nicht mehr helfen konnte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis man ihm das Amt des Parteichefs wegnahm.

Misslungener Image-Wechsel

Schon um den Neuanfang deutlich zu machen, hätte er auch das Außenamt abgeben müssen. Dazu war er nicht bereit. Man hätte es ihm entwinden müssen. Doch niemand wollte Königsmörder sein. Und so blieb er im Amt, eher geduldet als erwünscht, auch weil sich in der FDP eine Alternative nicht aufdrängte und er wohl hoffte, befreit vom Parteiamt doch noch als Außenminister Statur zu gewinnen.

Auch das erwies sich als Fehleinschätzung. Westerwelle kann tun, was er will – den Außenminister kann er nicht mehr glaubwürdig verkörpern. Er hat sich als polemisierender, zuspitzender und polarisierender Agitator profiliert. Das lässt sich mit der Rolle des Staatsmannes nicht vereinbaren. Alle Versuche, die neue Rolle auszufüllen, wirken aufgesetzt. Der misslungene Image-Wechsel hat verheerende Folgen. Er bringt ihn an den Rand der Lächerlichkeit.

Im Amt überfordert

Politische Fehlleistungen geben ihm den Rest. Bei der Abstimmung im UN-Sicherheitsrat zur Flugverbotszone über Libyen enthielt sich Deutschland, gemeinsam mit Russland, China, Brasilien und Indien. Der Außenminister habe ursprünglich sogar mit Nein stimmen wollen, sei davon aber nach intensivem Drängen von Bundeskanzlerin Merkel abgerückt, hieß es. Und so war es nicht sie, sondern Westerwelle, an dem der Vorwurf hängen blieb, er löste die Verankerung Deutschlands im Westen und suche neue strategische Partner.

Dass sich Deutschland nicht an der Militäraktion gegen Gaddafi beteiligte, wird im In- und Ausland als Brüskierung der Bündnispartner verstanden. Bei ihnen regt sich altes Misstrauen in die Verlässlichkeit der Deutschen, das auch in den Diskussionen um die Lösung der Finanz- und Schuldenkrise, über die Rolle Deutschlands in Europa und über die Zukunft Europas sichtbar wird.

Der Preis für die deutsche Einheit war die Zusicherung, Deutschland werde sich in Europa einfügen. Die nun aufkommenden Zweifel wurden Westerwelle angerechnet. Er hat sich nicht nur in Deutschland isoliert. Auch in Europa wird er längst beargwöhnt und kritisiert. Im Minenfeld der vielfältigen innen- und außenpolitischen Interessen steht er ziemlich verloren da. Es scheint so, als sei er nicht in der Lage, deutlich zu machen, welche Politik er verfolgt. Er wirkt in seinem Amt überfordert.

Aufforderung zur Demontage

Sein eigentlich belangloser Kommentar zum Ende des Gaddafi-Regime gewann plötzlich Brisanz, weil er Westerwelles von allen Seiten empfundene Hilf- und Orientierungslosigkeit dokumentierte. Er mochte nicht einräumen, dass der Militäreinsatz den Ausschlag für Gaddafis Niederlage war. Er beharrte darauf, die wirtschaftlichen Sanktionen seien entscheidend gewesen.

Diesen albernen Versuch, die Wirklichkeit zu leugnen, hätte man ignorieren können. Doch die Gelegenheit, sich von Westerwelle zu distanzieren, war zu verlockend. Politische Gegner und Parteifreude nutzten sie ausgiebig. Der neue FDP-Chef machte den Anfang. Er ließ Westerwelle massiv auflaufen. Das wirkte wie eine Aufforderung, Westerwelle zu demontieren.

Unweigerlich erinnert man sich an den FDP-Politiker Jürgen Möllemann, der enge Kontakte in die arabischen Staaten unterhielt, auch zu Gaddafi. Als sich Möllemann in eine Spendenaffäre verstrickte, ließ ihn die FDP nach unerträglich langem Hin und Her schließlich wie eine heiße Kartoffel fallen. Weitgehend isoliert trat er aus der Partei aus, eher sie ihn ausschließen konnte. Westerwelle war damals schon Parteichef.

Warten auf den Rücktritt

Heute ist er zwar noch Außenministers. Doch politisch ist er am Ende. In der FDP weiß man: Solange er sich an das Amt klammert, wird sich die Partei nicht erholen. Längst wird dort offen über mögliche Nachfolger gesprochen. Noch drängt ihn niemand, sein Amt zu räumen. Alle haben ihm ihr Mandat zu verdanken. Niemand möchte ihm den letzten Stoß versetzen und sich dabei die Hände schmutzig machen. Alle warten darauf, dass er ihnen das erspart, die Konsequenzen zieht und zurücktritt.

Und was tut er? Er verharrt wie erstarrt, als weigere er sich zu begreifen, was geschehen ist. Ein quälender politischer Abschied, dem jede Würde fehlt.

 

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Ein Kommentar zu “Ein Ende ohne Würde”

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