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Nebenbei

  • NRW: Hinteres Mittelfeld

    (uh) Eine gute Nachricht für NRW und das Ruhrgebiet: Sie sind Gastgeber des nächsten IT-Gipfels. Dass sie sich gegen das Saarland und Köln durchsetzten und das als ein großer Erfolg gewertet wird, gibt allerdings zu denken. Bei allem Respekt vor Köln: Es ist fünfmal kleiner als die Metropole Ruhr. Und das Saarland? Gibt es ein kleineres Flächenland? Dass sich NRW und das Revier da behaupten konnten: alle Achtung. Wie oft hat sich NRW eigentlich bisher vergeblich beworben? Es gibt 13 Flächenländer. Sechs hatten den Gipfel bereits: Brandenburg, Niedersachsen, Hessen, Baden-Württemberg, Sachsen und Bayern. NRW, das größte Industrieland, hinkt wieder einmal hinterher. Es bestätigt erneut seine Position im Länderranking: hinteres Mittelfeld. Wenn es stimmt, dass auf dem Gipfel wichtige Weichen auf dem Weg ins Technologie-Zeitalter gestellt werden, kann man nur sagen: Es wird höchste Zeit, dass der Gipfel in NRW und im Ruhrgebiet stattfindet.

  • Klagt KT um den Dr.-Titel?

    (uh) Der Fall KTzG wird immer verwirrender. Der Mann tanzt auf dem Hochseil. Und seine Fans balancieren mit ihm. Sie müssen befürchten: Entweder er wird Kanzler. Oder er geht in die Geschichte ein als größte Lachnummer, die Bayern je hervorgebrachte. Das Potenzial dazu hat er. Und die Juristen arbeiten daran, es noch zu vergrößern. Die Rechtsgelehrten der Uni Bayreuth meinen, KT habe bei seiner Doktorarbeit abgeschrieben und mutwillig Quellen verschwiegen, also „vorsätzlich getäuscht“. Die Staatsanwaltschaft Hof sieht das anders. Wie der „Spiegel“ berichtet, nimmt sie KT ab, dass er den Überblick über die Quellen verloren habe. Er habe die Urheberrechtsverletzung billigend in Kauf genommen, aber nicht beabsichtigt. Zudem gehörten viele Plagiatsstellen nicht unter den Schutz des Urheberrechts. Ihnen fehle die erforderliche „schöpferische Eigentümlichkeit“. Soll heißen: Sie seien Gemeingut, dessen Ursprung man nicht angeben müsse. Wenn das so ist, werden sich viele KT-Fans fragen: Warum hat ihm die Uni Bayreuth den Doktortitel überhaupt aberkannt? So wie ich die Fans einschätze, werden sie KT bald auffordern, mit der Staatsanwaltschaft Hof im Rücken die Uni Bayreuth auf Rückgabe des Doktortitels zu verklagen. Zuzutrauen wäre ihm das.

     

     

  • Panik in Essen

    (uh) Den Ruhrgebiets-Städten steht das Wasser bis zum Hals. Die „Metropole Ruhr“ droht finanziell abzusaufen. Essen befürchtet – wie die Nachbarstädte auch – in seinen Schulden zu ertrinken. Da greift man nach jedem Strohhalm, wie Essens CDU-Fraktionschef Kufen. Er will städtische Kredite ausloben, um Bürger zu bewegen, sich in Essen anzusiedeln. Die Beschäftigten der Stadt, die auswärts wohnen – immerhin 2556 von 8898 – sollen mit Darlehen aus dem Stadtsäckel bewogen werden, nach Essen zu ziehen und sich dort Eigentumswohnungen zu kaufen. Der Vorteil für die Stadt: Sie bekommt pro Einwohner 818 Euro aus den Schlüsselzuweisungen des Landes. Gingen 1200 Bedienstete auf Kufens Vorschlag ein, bekäme Essen eine Million zusätzlich in die Kasse. Kufens Plan entpuppt sich als Akt der Verzweiflung. Man könnte ihn auch als ein Anzeichen einsetzender Panik verstehen. Essen hat 3,1 Milliarden Euro Schulden. Und seit 2003 rund 15 000 Einwohner verloren. Bis 2030 wird die Stadt weitere 32 000 Einwohner verlieren. Die Zinsbelastungen werden steigen. Wie Essen damit fertig werden will, ist nicht zu erkennen. Eine zusätzliche Million wäre nicht einmal ein Tröpfchen auf den heißen Stein. Nebenbei bemerkt: Düsseldorfs Regierungspräsidentin müsste die Zuzugsprämie absegnen. Ob sie sich dazu bereit findet, ist mehr als fraglich.

     

     

  • Kraft: Unter Wert gequasselt

    (uh) Der Papst tritt nicht bei Kerner auf. Je exklusiver eine Position, desto exklusiver das Ambiente, in dem sich dessen Repräsentant darzustellen hat. Aus gutem Grund. Es gibt Ämter, die ihren Inhabern Gewicht verleihen und sie verpflichten, es zur Geltung zu bringen. Dazu gehört eine entsprechende Umgebung. So wird Merkel wohl nie als eine unter vielen bei „Wetten, dass“ antreten. Sie erscheint exklusiv, etwa bei Jauch. Unter diesen Gesichtspunkt überraschte es, Hannelore Kraft am Montag in Plasbergs Sendung „Hart aber fair“ vorzufinden, in einem Kreis von Persönlichkeiten, die ihre Zukunft längst hinter sich haben: Heiner Geißler, ehemals CDU-Generalsekretär, Herbert Walter, ehemals Chef der Dresdner Bank, Frank Lehmann, ehemals ARD-Börsenexperte, Hermann Otto Solms, bald ehemaliger Finanzexperte der FDP-Fraktion. Wer riet der Ministerpräsidentin des bevölkerungsreichsten Bundeslandes NRW,  sich in diesem Umfeld von Ehemaligen – um nicht zu sagen: Ausrangierten – unter Wert zu präsentieren? Seehofer (CSU, Bayern) hätte sich das erspart. Selbst Sellering (SPD, Mecklenburg-Vorpommern) zeigt sich in diesen Runden nicht. Dabei ist er nur ein besserer Bürgermeister. Er regiert gerade mal so viele Einwohner, wie Köln und Düsseldorf vorweisen. Dennoch will er in solchen Quasselrunden nicht gesehen werden. Recht hat er. In diesen Sendungen steigern Politiker nicht ihr Gewicht, sondern verspielen es.

     

     

  • Grüner Stratege

    (uh) Es liegt in der Natur von Stimmungen, sich zu wandeln. Wie launenhaft sie sind, erleben die Grünen. Kürzlich galten sie noch als neue Volkspartei. Heute schrumpfen sie auf ihr Normalmaß. Eine, die sich vom Stimmungswandel überwältigen ließ, ist Renate Künast. Sie wollte in Berlin Bürgermeisterin werden. Und schaffte es nicht einmal, die Grünen zum Koalitionspartner zu machen – die SPD wies Künast und die Grünen zurück. Daraus ziehen die Grünen gegensätzliche Schlussfolgerungen. Künast und Parteichef Trittin fordern, die Grünen müssten sich bei den nächsten Wahlen auf die Partnerschaft mit der SPD festlegen, also auch in NRW. Dagegen verlangt Fraktionschef Priggen, die Landespartei müsse sich die Option zur CDU offen halten. Welche Position wird sich behaupten? Das könnte eine der spannendsten Fragen der Landespolitik werden. Setzt sich der Stratege Priggen durch, könnten es nach der nächsten Landtagswahl die Grünen sein, die zu Sondierungsgesprächen einladen und dann bestimmen, ob die CDU oder die SPD mitregieren und den Ministerpräsidenten stellen darf.

     

     

Nach der Wahl: Die Qual der Wahl

Donnerstag, 18. März 2010

Politik

(uh) Unter den fünf Parteien, die hoffen können, bei der NRW-Wahl am 9. Mai in den Landtag einzuziehen, fallen die Grünen aus dem Rahmen. Nach den Umfragen haben sie von den drei kleinen Parteien nicht nur rechnerisch die besten Möglichkeiten, mit SPD und CDU eine Koalition zu bilden. Auch inhaltlich sind sie so offen aufgestellt, dass sie mit beiden Parteien die nächste Regierung bilden könnten.

Die CDU profitiert

In den Umfragen stehen die Grünen bei 12 Prozent. Ihr Koalitionspartner müsste 38 Prozent mitbringen, damit die nächste Regierung unter Beteiligung der Grünen zustande käme. Nach den derzeitigen Umfragen sind die Optionen der Grünen dennoch begrenzt. Sollte die Linke in den Landtag einziehen, was die Umfragen keineswegs ausschließen, würde es für eine Neuauflage der rot-grünen Koalition kaum reichen. Auch eine rot-grüne Koalition unter Einschluss der Linken wäre ziemlich unwahrscheinlich. Dieses Modell stößt bei SPD und Grünen auf zu große Vorbehalte.

Die SPD würde dann wohl eine Große Koalition ansteuern und die Grünen ein schwarz-grünes Bündnis, wenn sie nicht in der Opposition bleiben wollen. Von der Stärke der Grünen und dem Einzug der Linken in den Landtag würde also die CDU profitieren. Zwar führt sie mit der FDP einen Lagerwahlkampf. Zur Neuauflage der schwarz-gelben Koalition reicht es jedoch nach den Umfragen bisher nicht. Sollten sie sich am 9. Mai tatsächlich bestätigen, hätte die Union nach der Wahl die Qual der Wahl zwischen SPD und Grünen.

Offen für SPD und CDU

Dass die Union diese Perspektive hat, verdankt sie vor allem den Grünen. Sie haben die Koalitionsfrage klugerweise lange offen gelassen. Je nach Stand der aktuellen Diskussion legten sie mal mehr zur SPD aus, dann wieder zur CDU. Für beide Konstellationen gibt es bei den Grünen starke Befürworter. Solange beide Gruppen keinen Richtungskampf anzetteln, gewährleistet diese Offenheit, dass die Partei ihr Wählerpotential optimal ausschöpft. Daran ändert auch ihr Parteitagsbeschluss nichts, der sie vorrangig auf Rot-Grün festlegt und Gespräche mit der Linken nicht ausschließt.

Vor diesem Hintergrund war es nicht besonders geschickt, dass der grüne Landtagsabgeordnete Rainer Priggen jüngst ohne Not erneut die Koalition mit der CDU in den Vordergrund rückte. Den Befürwortern von Rot-Grün blieb nichts anderes übrig, als Priggen wieder einzufangen. Trotz aller Beteuerungen für Rot-Grün müsste bei den Grünen inzwischen eigentlich jeder wissen: Am Ende wird es das Wahlergebnis sein, das festlegt, in welche Richtung die Partei marschieren kann.

Rot-grüne Zwangsgemeinschaft

Der Parteitagsbeschluss erweckt den Eindruck, ihr natürlicher Koalitionspartner sei die SPD. Betrachtet man die Geschichte der rot-grünen NRW-Koalition, erscheint diese Einschätzung ziemlich abwegig. Die Grünen waren vor allem im Protest gegen die SPD entstanden. In den SPD-Hochburgen gab es erbitterte persönliche Feindschaften zwischen Sozialdemokraten und Grünen. Die erste rot-grüne Koalition kam in Düsseldorf nur zustande, weil wichtige Teile der SPD gezwungen waren, die Zähne zusammen zu beißen.

Dem machtbewussten rechten Flügel der NRW-SPD, der bis heute stark von der Gewerkschaft IG BCE beeinflusst wird, waren die Grünen zuwider. Für die SPD-Rechte war rot-grün eine ungeliebte Zwangsgemeinschaft. Der rechte SPD-Flügel hätte 1995 lieber eine Große Koalition geschlossen, wagte jedoch nicht, dies offen zu thematisieren, weil er dafür in der SPD keine Mehrheit organisieren konnte.

Versuche der Gewerkschaft, die SPD in diese Richtung zu lenken, fanden keine Resonanz in der Partei. Zu groß war die Angst, in den eigenen Reihen abgestraft zu werden. Die CDU schätzte die Lage ähnlich ein und verzichtete auf jedes Signal, das als Bereitschaft zur Großen Koalition hätte gedeutet werden können.

Magere Leistungsbilanz

Die zehnjährige rot-grüne Regierungszeit erwies sich als eine Kette von Koalitionskrisen. Fast jede Sachfrage entwickelte sich zum Großkonflikt. Das kostete viel politische Kraft. Erfolge, die einvernehmlich zustande kamen, waren Mangelware. Die Probleme des Landes, von der Integration bis zur Qualität der Ausbildung, blieben weitgehend ungelöst.

Auch nach der Wahl 2000 provozierte die SPD die Grünen. Gegen die Mehrheiten in der SPD brachte Clement die FDP als Koalitionspartner ins Spiel. Sein Nachfolger Steinbrück suchte ebenfalls den Konflikt mit den Grünen, rieb sich dabei jedoch genauso auf wie Clement. Als die rot-grüne Koalition 2005 abgelöst wurde, waren beide Parteien erschöpft. Besonders stark traf dies für die NRW-SPD zu. Sie hatte in der Koalition mit den Grünen viel Substanz verloren.

Schwarz-grüne Annäherung

Noch viel größer als bei der SPD waren in den 90er Jahren die Vorbehalte gegen die Grünen bei der CDU. In den ländlichen Hochburgen der Union wurden die Grünen im besten Fall als Spinner abgetan. Im schlimmsten Fall galten sie als gefährlich, noch gefährlicher als die SPD.

Zwar bemühte sich Jürgen Rüttgers zwischen 2000 und 2005 vorsichtig, Gemeinsamkeiten zwischen Union und Grünen zu suchen. Doch schon weit vor der Wahl 2005 fiel dann die Entscheidung, mit der FDP zu koalieren. Im Wahlkampf drosch Rüttgers auf die Grünen ein. Er warf ihnen vor, mit überzogenem Umweltschutz die Wirtschaft des Landes zu behindern.

Inzwischen haben sich die Grünen und die CDU verändert. Die Grünen taugen längst nicht mehr als Bürgerschreck. Diese Rolle haben inzwischen die Linken übernommen. Die Übereinstimmung zwischen CDU und Grünen ist gewachsen. Die führenden Akteure beider Seiten wissen, was sie voneinander zu halten haben. Zwischen dem einen und dem anderen ist sogar Vertrauen entstanden. Besonders deutlich wurde dies beim Ausstieg aus der Steinkohlefinanzierung. Da zogen beide Parteien am gleichen Strick.

Druck aus der Industrie

Auch in den Kommunen sind sich CDU und Grüne näher gekommen. In 25 Bündnissen arbeiten beide Parteien zusammen. Mit der SPD haben die Grünen 33 lokale Koalitionen. In der Region Aachen, in der CDU-Integrationsminister Armin Laschet und der grüne Landtagsabgeordnete Rainer Priggen zu Hause sind, funktioniert die Kooperation zwischen Schwarz-Grün ebenso gut wie im Rhein-Sieg-Kreis, aus dem CDU-Generalsekretär Andreas Krautscheid und der grüne Landtagsabgeordnete Horst Becker stammen.

Bis zur Landtagswahl am 9. Mai können sich die Umfragen noch stark verändern. Sollten sie jedoch halbwegs stabil bleiben und die CDU nach der Wahl tatsächlich zwischen der Großen Koalition und Schwarz-Grün wählen können, darf man auf das Ergebnis gespannt sein. In jedem Fall werden Rüttgers und die CDU starken Druck aus der Industrie zu spüren bekommen. Vor allem die Chemie- und die Energiewirtschaft werden dann wohl darauf dringen, dass eine Große Koalition zustande kommt.

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5 Kommentare zu “Nach der Wahl: Die Qual der Wahl”

  1. Andreas sagt:

    Danke für diesen Artikel. Sehr interessante Denkanstöße. Die aktuelle Situation, rund um die Grünen ist wahrlich interessant.
    Interessant wäre es, die Kräfte innerhalb der Grünen näher zu beleuchten, die in die eine oder andere Richtung wollen, weil die Erststimmen da ja durchaus Richtungsweisend sein können.

    Nicht zu vergessen, das als kleine Anmerkung, ist, das Kraft bei der SPD deutlich weiter Links steht, als es Steinbrück oder Clement je taten.

  2. Jens sagt:

    Die “Sonstigen” stehen bei Umfragen bei 5-7%.

    Vielleicht schafft es ja noch eine andere Partei in den Landtag ?

    Vermutlich die Piraten oder Pro-NRW ?

    • Ulrich Horn sagt:

      Dass eine der “Sonstigen” den Sprung in den Landtag schaffen, halte ich aus heutiger Sicht für unwahrscheinlich. Man muss in den Umfragen schon nahe bei Fünf-Prozent stehen, wenn man am Wahltag eine Chance haben will.

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